Die freien Räume

Vorher: Die Erkenntnis

Dieselbe Aufgabe und Anstrengung wie bei den Sehbehinderten und Blinden galt es ebenfalls in Bezug zu den Kranken zu bewältigen. Auch ihnen kam in der prähistorischen Gemeinschaft vermutlich das selbstverständliche Recht zu, die riesigen Steinverhaue kennen zu lernen, die nicht als militärisches Hindernis, sondern für einmal, geordnet, einem anderen Zweck dienten.

Welche Farbe hatten die Krankheiten im alten Carnac? @ Georges Scherrer

Wobei hier nicht angemerkt werden kann, in welcher Art und Weise die Gebrechlichen, Versehrten, Geschwächten, Verkrüppelten in die Umgebung des imponierenden Steinvlies gebracht wurden: im Familienkreis, in einer Prozession, heimlich. An der urwüchsigen Oberfläche der Menhire kann auch nicht abgelesen werden, welche Krankheiten damals vorherrschten: Depression, Cholera, Schnupfen?

Blau oder grün? @ Georges Scherrer

Die künstlich gesetzten und gezogenen Felsformationen bieten, boten zahlreiche Möglichkeiten, um für verschiedenste Zwecke abmessbare Felder abzustecken. Es muss sich nicht einmal um geometrische Gebilde gehandelt haben, die irgendwelchen Schulungen dienten. Arithmetisch dachte der steinzeitliche Ureinwohner vermutlich kaum.

Die Menhire bieten höchst interessante Möglichkeiten für Spiele.

Was er aber mit Hilfe der kantigen, mächtigen Blickfänger abpfählen konnte, das waren klar definierte Geländebereiche für ernsteren oder weniger ernsten Zeitvertreib. Die Menhire bieten höchst interessante Möglichkeiten, um verschiedenartige Spiele durchzuführen.

Spielerischer Umgang mit dem Leben @ Georges Scherrer

So etwa einen Stafettenlauf, ein Ballspiel, Verstecken. Kinder können sehr erfinderisch sein, wenn sie Spass haben wollen und einen Ulk auf die Beine stellen, mit dem sie sich ausgiebig beschäftigen und tagelang abfinden können. In ihrer Kurzweil setzen sie Füsse, Arme und den ganzen Körper zu ihrer Beschäftigung ein.

Abgestecktes Feld für Sport  @ Georges Scherrer

Die Menhire eigneten sich durchaus, wenn es darum ging, Messeinheiten zu schaffen für das Speerwerfen, Steinschleudern oder für Pfeil und Bogen. All das soll es damals gegeben haben, wie Höhlenmalereien zeigen. Der Schnelllauf liess sich mit den Steinen ebenfalls messen. Spiel und Sportbegeisterte kommen in den Feldern von Carnac voll auf ihre Rechnung.

Noch kein Thema im Neolithkum: technisch versiert – Langlauf @ Georges Scherrer

Der viele, gleichförmige Gebilde umfassende, stattliche Steingarten offenbart beim genauen Hinblicken eine reiche Palette an unerwarteten Möglichkeiten, um die unterschiedlichsten Formen und Varianten von Ordnung zu gestalten. Welcher der zahlreichen Spielarten von Ordnung, welcher Struktur werden die Vordenker der Ordnung von Carnac zu ihrer Zeit den Vorrang gegeben haben?

Was für eine Ordnung den Ausschlag gab und die Alignements begründete, das wissen nur die Geister, welche das steinerne Muster epochenübergreifend über jenen Boden legten, der heute nach wie vor so viele Neugierige anzieht.

Was für eine Ordnung die Alignements begründete, wissen nur jene, welche das steinerne Muster epochenübergreifend über den Boden legten.

Die Alignements stellten vor allem auch ein untrügliches Zeichen gesellschaftlicher Stärke dar. Eine immense Anzahl an überschweren und weniger schweren Menhiren wurde aufgerichtet. Dies entspricht einer riesigen physischen Leistung, welche die ungenannten Horden erbrachten, die das nähere Meeresufer sowie das umliegende Binnenland an der sanften Bucht von Quiberon bewohnten.

Abgesteckter Lebensraum in Carnac @ Georges Scherrer

Die bombastische Menge an unterschiedlichen Menhiren zeugt schon rein aufgrund der ungeheuren Masse, die sie stellen, von der beeindruckenden Grosstat, welche humane Kraft in jener fernen Urzeit vollbrachte. Das gigantische Werk zeigt noch etwas anderes. So etwas wie Carnac ist nicht aus dem Zufall gewachsen, quasi urplötzlich vom Himmel gefallen. Es steckt einiges an gründlicher Planung dahinter. Die Sippschaften, Volksscharen, Bündnisse von Gruppen mussten sich gemäss einem bestimmten System organisieren, das ihnen erlaubte, sich trotz der üblichen Alltagssorgen und drängendsten Überlebensprobleme so abzusprechen, dass genügend Kräfte freigestellt werden konnten, um diese enormen Arbeiten zu bewältigen.

Das wagemutige Unternehmen wird die bei jenen urtümlichen Strand- und Waldwesen eben erst angeworfene, kaum erwachte Inspiration ungemein angeregt haben, nicht nur als es darum ging, eine Ordnung zu schaffen, um die nötigen Freiräume für die sorgfältige Bewältigung der anliegenden Aufgaben zu schaffen, sondern auch danach, als die kühnen Erschaffer, Steinmetze, Seiler, Korbflechter, Förster und Waldarbeiter mit wachem Intellekt vor dem heute noch verblüffenden Resultat standen. Es dürfte nicht untertrieben sein, wenn man heute in den kongruenten Reihen von Carnac das idealisierte Abbild einer konsequenten Schulung zielgerichteter Logik ausmacht, die es überhaupt erst gestattete, dass eine neue, unverbrauchte Ordnung geschaffen werden konnte.

Wuchs diese schier spiessbürgerlich anmutende Präzision mit dem voranschreitenden Bau der Steinreihen heran?

Ohne ein mutig und entschlossen umgesetztes und durchgesetztes Regelwerk wäre Carnac nie entstanden. Die geradezu pingelige Genauigkeit der geleisteten Geistesarbeit jener weisen Vordenker unserer Kultur, die uns in den streng ausgerichteten Alignements eine überdeutliche, kräftige Spur ihres ungestümen Aufbruchs hinterliessen, beeindruckt und versetzt uns, ihre späten Nachfahren, immer wieder in ehrfürchtiges Staunen. Wuchs und entwickelte sich diese schier spiessbürgerlich anmutende Präzision in den Überlegungen jener urtümlichen Ansässigen, die das rohe Land besassen, bebauten, möglicherweise noch eroberten und rodeten, mit dem voranschreitenden Bau der Steinreihen heran?

Beginn der Planung @ Georges Scherrer

Oder war die an ordentlichen Gedankenbahnen fixierte Planungsarbeit bereits vor dem Baustart der mehrdimensionalen Anlage grundgelegt? Waren die korrekt gezogenen Steinreihen somit die greifbare Folge und das konkrete Abbild eines gewissenhaften und beharrlichen Trainings eines deduktiven Denkens? Hatte der Urmensch, der die Linien in Carnac zog, bevor er sich an die physische Arbeit machte, erst eingehend Ordnung in seinen Gedanken geschaffen?

Planung unterwegs @ Georges Scherrer

Für den handwerklichen Bau der mächtigen Alignements erwies sich eine ungeheuer kompakte Organisation als unumgänglich. Die damalige Gesellschaft musste sich notwendigerweise solcherart formen und bereithalten, dass das angestrebte Unternehmen zu einem glücklichen Abschluss gebracht werden konnte. Der Einzelne folgt seinem Instinkt. Die Gemeinschaft muss sich absprechen.

Planung vollendet @ Georges Scherrer

Die Steine zu sammeln und aufzustellen war das Eine; das Andere, die möglicherweise etwas widerwilligen, skeptischen einzelnen Mitglieder jener eingeborenen Stämme dahingehend zu bewegen, dass sie nicht wie Jäger, Sammler oder Fischer für einmal ihrer sicheren Spürnase vertrauensvoll folgten, sondern sich zu einer tollen gesellschaftlichen Leistung zusammenfanden, die weit über das listenreiche oder auch rohe Erjagen von hohen Mammuts und baumstarken Bären zur unentbehrlichen Nahrungsbeschaffung hinausging.

Heute kann man sich kaum ein Bild davon machen, was es für das Urvolk bedeutete, sich vom Ring zu lösen.

Die stolzen Alignements sind dem Bau einer neuen Stadtform vergleichbar, welche mit der vertrauten Ordnung des einschliessenden Kreises bricht: Keine Ringmauer, keine Einkesselung von Tieren, sondern Öffnung. Heute kann man sich kaum ein Bild davon machen, was es für das Urvolk von damals bedeutete, sich vom Ring, dem Thing, zu lösen. Wurde ursprünglich ein Menhir möglicherweise für das steinerne Sinnbild eines einzelnen Wesens verstanden, das auf diese rudimentär künstlerische Art veredelt und geadelt wurde, so schmolz dessen herausragende Wertschätzung erheblich, indem diesem einzelnen ausgesuchten Kultgut weitere hinzugesetzt wurden.

Der Monolith – eine kolossale Botschaft, die niemand versteht @ Georges Scherrer

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