Die Fabel

Vorher: Die Kurve

Was hat diese Erkenntnis mit Carnac zu tun? Die Frage stellt sich: Hatte zu jener Zeit, als die Steinreihen von Carnac entstanden, ein Mensch eine ebensolche geistige Eingebung, die ihm erlaubte, die strikte geometrische Form von Horizontale, Vertikale und Quere mit einer weiteren vektoriellen Ausrichtung bewusst zu konfrontieren oder – weniger martialisch ausgedrückt: das damalige Denken mit einer neuen Erkenntnis zu ergänzen?

Hat sich damals diese neue Erkenntnis durchgesetzt und dazu geführt, dass in Hommage an die Entdeckerin, den Entdecker, eben jene leichte Kurve in die Geraden der Steine eingefügt wurde und die Linien eine frische Orientierung nahmen?

Die aufkommende Dämmerung öffnet ein gutes Angebot an zusätzlichen Varianten geometrischer Zusammenhänge.

Carnac bietet viele frappante Einblicke. Die aufkommende Dämmerung öffnet ein gutes Angebot an zusätzlichen Varianten geometrischer Zusammenhänge und das dabei einsetzende Spiel des schnell ändernden Lichts, das die sinkende oder steigende Sonne über die aufragenden Steinfliesen wirft, hilft kräftig mit beim Zeichnen von unzähligen neuen Beziehungspunkten zwischen den Steinblöcken.

Eintauchen in einen Dolmen @ Georges Scherrer

Die besonnene Dämmerung, wenn sie abends einsetzt, führt dazu, dass sich die immer längere Schatten werfenden Reihen der langsam verblassenden Menhire mit der sich verstärkenden Dunkelheit zusehends von ihrer Umgebung weniger absetzen und schliesslich schier auflösen. Das schwindende Tageslicht lässt die Reihen schrumpfen. Die Nacht verschlingt sie. Was gesehen wurde, ist weg, sofern nicht der Mond bleich darüber hinweg scheint.

Der Erdtrabant Mond @ Georges Scherrer

Eindrücklich erscheinen die stummen Reihen der Stein gewordenen Gedanken im coolen Licht des kalten Erdtrabanten. In der schwachen Helle, die er wirft, wirken die schroffen Kanten der senkrecht gestellten, urtümlich wirkenden Platten weicher.

Weiches Licht am Abend @ Georges Scherrer

Der matte Glanz, in welchem die penibel genau aufgegliederten Steinsäulen schimmern, erlischt mit der zunehmenden Entfernung und werden in einer nicht fernen Unweite Eins mit dem alles verschlingenden Dunkel der sonnabgewandten Tageszeit.

Dämmerung @ Georges Scherrer

Hat der Menhirenmeister, gemahnt von nächtlichen Spähern, immer neue Hinkelsteine hinzu platziert, damit die Illusion entstand, dass die Alignements wie ohne Ende wirken im Gegensatz zur Nacht, welcher der Morgen ein unbarmherziges Ende setzt. Die Überlänge der Steinzeilen machen in Carnac die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht. Was ohne Ende scheint, verliert sich in der Zeit.

Diese gallige Bemerkung sei in den Wind geschlagen.

Der Morgen bringt die Steine zurück; die Nacht wird die Herrschaften, welche die Gegend in der Bretagne als ihre Heimat bewirtschafteten, darum nicht dazu bewegt haben, den Bau ihres Werks voran zu treiben.

Diese gallige Bemerkung über den Einfluss der Nacht auf das Entstehen des Bauwerks in Carnac aus den Reihen der nimmermüden, notorischen Spötter sei in den Wind geschlagen und von diesem weggetragen.

Der Wind – Unbekannter Künstler auf Sandsteinwand @ Georges Scherrer

Denn, wie man heute nicht weiss, gehörte die Gründergeneration von Carnac, wie der Schreiber dieser Zeilen, der Kategorie der Morgenmuffel an: Die Ideen entstehen in der Nacht. Der Morgen muss sie im Schlaf ausreifen. Das Vorhaben gedieh, die Reihen wuchsen am Tag weiter.

Lichtspiele des Nachts @ Georges Scherrer

Die eben angeführte Betrachtung über Tag, Nacht und Inspiration entspricht nicht der streng analytischen Annäherung an das Phänomen „Carnac“, wie sie diesem bedeutsamen und tiefgründigen Traktat von Beginn an grundgelegt ist, und kann somit gestrichen werden.

Eine weitere Bemerkung sei dennoch gestattet und zwar zur überdeutlich wechselnden Grösse der aufgerichteten, steinernen Haudegen. Gegen Osten hin nimmt ihre Höhe zusehends ab, bis sie schliesslich die Grösse von Schafen, Geissen, Ziegen und Dachsen erreicht. Den steinernen Gebilden wurden geradezu die aparten Masse verpasst, welche den damaligen Kreaturen, Errichter von Carnac, familiär waren.

Carnac könnte als eine aus der Natur geschaffene Darstellung der Menschheitsgeschichte empfunden werden.

Dabei ging es vermutlich nicht einmal um die Steigerung des eigenen Selbstbewusstseins der Brotherren von ehedem und ihrer Untergebenen – oder vielleicht doch: Carnac könnte als eine abstrakte Abbildung der Schöpfungsgeschichte betrachtet werden. Eine Art überdimensionierte, aus der Natur geschaffene Darstellung der Menschheitsgeschichte, so wie sie von jener Ur-Gemeinschaft empfunden wurde: Von den grossen Gottheiten hin zu den kleinen Menschen; von den Mammuts hin zu den Wölfen, Füchsen und Rehkitzen. Welchen Stellenwert die Schöpfer der Konstruktion dabei selber inne hatten, bleibt offen.

Menhire im Perspektivenspiel @ Georges Scherrer

Jene Wertschätzung sei dieser Interpretation gewährt, die der Sorte bereits seit dem Start des Traktats zu Teil wurde.

Wenn man von Osten her in die Reihen hinein schreitet, dann beginnt man seinen Gang in jenen Alignements, welche wenig hoch aus der Erde ragen und zum Teil in Gebüsch und Unterholz untergehen. Je näher man an die übergewichtigen Brocken herankommt, desto beeindruckender wirken diese und damit auch die Leistung, welche die Arbeiter erbrachten, als sie diese nach dem Transport aufstellten.

Symbiose von Unterholz, Busch und Kulturdenkmal @ Georges Scherrer

Es sei erlaubt, eine weitere Beobachtung anzubringen. Der Unterschied in der Grösse zwischen den mächtigen Menhiren und ihren zum Teil sehr schmächtigen Anverwandten ist beträchtlich. Jetzt, wiederum von Westen hergesehen, bietet sie doch ein tolles Phänomen: Wenn man an den grossen Menhiren vorbeischreitet, dann öffnet sich auf einmal der Blick über dieses geheimnisvolle, in die rohe Natur eingefügte Gemälde, das aus zahlreichen Klötzen besteht, hinweg in die sich dahin ziehende Weite bis zum schmalen Horizont, wo perspektivisch alles viel kleiner wirkt.

Menhire bis zum Horizont und darüber hinaus @ Georges Scherrer

Die satten, klaren Linien mit den immer niedriger werdenden Steinen verstärken den untrügerischen Eindruck der perspektivischen Redimensionierung, den die Ebene von Natur aus gibt, indem sie die Dinge in der Ferne stetig winziger erscheinen lässt. Die immensen Steinstreifen übertragen quasi das Bild, das die Natur von sich gibt, auf sich selber, wenn sie sich in der Weite der Ebene verlieren, wo mit den wachsenden Distanzen schliesslich sogar die Berge wie Winzlinge daherkommen, als Riesen sich aber nach wie vor aufbauen, wenn man vor ihnen steht.

Berge in der Perspektive @ Georges Scherrer

Diese an sich doch überraschende Übereinstimmung von natürlicher und künstlicher Perspektive mag Zufall sein. Das Zusammentreffen einer geometrischen Eigenart der Natur und ihrer baulichen Entsprechung in den Linien, welche den Ort am oberen linken Zipfel des europäischen Festlands berühmt gemacht haben, mag wie vom Autor dieser Studie herbeigeredet anmuten.

Vielleicht erzählen die Steine von Carnac lediglich die Geschichte von Riesen und Zwergen.

Gewiss, wer weiss, vielleicht erzählen die Steine von Carnac doch lediglich nur die Geschichte von Riesen und Zwergen, die sich als freche Gnomen im Angesicht von wässrigen Nymphen über dem langgestreckten, sandigen Grund am schmalen Gestade des abweisenden Meeres zu toll tummelten und schliesslich in ihrer Position, einen paradierenden Gleichschritt imitierend, urplötzlich versteinert erstarrten.

Gnomen in versteinertem Waldleben @ Georges Scherrer

Im Herbst, wenn die Nebel als Schwaden im Reigen über den Ebenen treiben, legt sich auf die Menhirereihen ein ganz eigenartiges Licht, das den hochberühmten Platz in eine ganz spezielle Atmosphäre taucht. Die Verbindung zur verborgenen Welt, welche die Märchen und Naturgeister prägen, wird dann fast greifbar. Man müsste mit einem entsprechenden Buch dorthin reisen und es im klammen Wind, der vom allmächtigen Atlantik her weht, mit vor Kälte schlotternden, blauen Fingern lesen.

Auf der sonnenabgewandten Seite vermag der Beschauer die Details auf der ihm zugewandten Front des steinernen Riesen nicht zu erfassen.

Eine weitere Annäherung an die achtenswerten Reihen, welche das Feld dieser weiten Betrachtung bilden, gestattet noch ein anderes schütteres Lichtspiel. Die aufgerichteten und in Linien gestellten Steinplatten präsentieren sich zum Teil in einer derart beachtlichen Breite und stolzen Höhe, dass ihr Schatten den Betrachter vollkommen eindecken. Auf der sonnenabgewandten Seite der harten, kompakten Form, die ihm den Blick auf die Sonne verwehrt, vermag der solcherart, trotz Tageslicht, in das Halbdunkel versetzte Beschauer die Details auf der ihm zugewandten Front des steinernen Riesen nicht zu erfassen.

Neolithischer Kreisel @ Georges Scherrer

Hingegen erscheinen die breiten Seiten der Menhire zur Rechten, zur Linken, im Rücken, welche wie verschwenderisch in Sonnenlicht gebadet sind, heller und klarer und heben sich auf diese Weise von der bedrohlichen Fassade des schattenwerfenden, steinstarren Mastodonten wohltuend ab. Eine weitere, jähe Erkenntnis blitzt auf: Die Nähe offenbart nicht die Details; was etwas entfernt im richtigen Licht steht, wird deutlich.


Nächstes: Die Erkenntnis

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