Die Idee

Vorher: Der Satzbau

Die Beförderung der Steine und ihr Aufrichten nach genauen Zielvorgaben dürfte alle Kräfte der Gesellschaft von damals beansprucht haben. Das Unternehmen dürfte die Verstandeskraft erschöpfend ausgenutzt haben. Vermutlich deckten sich die Vorstellungen von Struktur jener Menschenspezies noch gar nicht mit den Organisationsformen, die zur Zeit der ersten Hochkulturen im Mittelmeerraum und auch für uns heute als Mass gebende Ordnung angesehen werden.

Das ganze Unterfangen stellt ein Experiment dar, das gut durchdacht und geplant war.

Man muss sich immer wieder deutlich vor Augen halten, dass das, was in Carnac entstand, überhaupt zum ersten Mal ausgeformt wurde, die Menschen also nicht eine Kopie von etwas schon Bestehendem anfertigten, nicht auf ein Beispiel zurückgreifen konnten, wie dies etwa der Fall bei den Höhlenmalereien ist.

Nachricht aus der Vergangenheit @ Georges Scherrer

Vielmehr stellte das ganze Unterfangen ein Experiment dar, das aber gut durchdacht und geplant war. Wie immer bleibt die Frage: Inwieweit wurde geplant und analysiert oder frech Neues gewagt?

Jetzt werden die Spötter wieder aufspringen und einwerfen, die Steine, die für den Bau der Alignements benützt wurden, ähneln jenen, welche für die Fertigung der Dolmen verwendet wurden, und nicht dem ebenförmigen, grossen Menhir von Locmariaquer. Die Steinreihen bedeuteten also nichts Anderes als die Öffnung der Dolmen. Mit dem Bau der Reihen hiessen die Menschen von damals die Gräber in die Weite und Breite gehen.

Wie die Milchstrasse @ Georges Scherrer

Die Alignements stellten, so die Spötter, nichts Anderes als Totenfelder dar, entsprächen Totengallerien, steingehaltenen Museen, welche in Erinnerung an die Ahnen errichtet wurden oder – auch eine Interpretationsmöglichkeit – formten ganz einfach einen Strang gleich der Milchstrasse, der symbolisch gen Himmel weist, ins Jenseits, also jener Zeit, die dem Tod folgt. Die mächtige Milchstrasse spiegelt sich auf dem kargen Boden von Carnac, spotten sie.

All die Personen, welche in argloser Tradition Ereignisse als Beweis für ihre Wahrheit suchen, werden Carnac für ihre Ziele zurechtbiegen.

All die Personen, welche in argloser Tradition und massgeschnittener Geschichte ausgewählte Ereignisse als Beweise für die von ihnen verkündete und gepredigte Wahrheit suchen, werden auch Carnac nach der Maxine „Der Zweck heiligt die Mittel“ für ihre Ziele auslegen und zurechtbiegen.

Sicher, die flachen, anscheinend wenig behauenen Steine würden sich, dicht an dicht nebeneinandergestellt, durchaus für die Errichtung von Schutzmauern eigenen, so wie sie jede Trutzburg um sich gezogen hat als Schutz vor dem Feind. Ganz anders Carnac!

Reste einer Befestigungsmauer in Aventicum @ Georges Scherrer

Für den Bau der Alignements wurde ebensolches Material wie für Schutzwälle an anderen Orten verwendet. Daraus zu schliessen, dass die kilometerlangen Steinarrangements den gedrungenen Dolmen, diesen schutzgebenden, urwüchsigen Steingebilden, entsprechen, nur, weil sie aus derselben Rohmasse bestehen, ist tief aus dem Trüben gefischt. Der wiederholte Gebrauch desselben einfachen, naturgegebenen Rohstoffs will noch lange nicht heissen, dass die doch grundverschiedenen Bauwerke denselben Aufgaben dienten.

Reste eines Dolmens @ Georges Scherrer

Ein einzelner Spötter wird nun verkünden: Auch über der Gesellschaft von damals wachte ein Himmel, der aus nichts Anderem als Ordnung und der entsprechenden Bürokratie bestand, die dafür sorgte, dass das Unternehmen nicht zu schnell vonstattenging.

Unter Beobachtung @ Georges Scherrer

Das ist der Zeit vorgegriffen. Der einzelne Spötter setzt das Denken der Menschen aus dem Neolithikum in einen Kontext, der unseren Vorstellungen zu überlegen und zu argumentieren entspricht. Der Mensch durchlief während seiner Entwicklung aber ein ganzes Heer von Schulen: Monarchien und Theokratien. Kommunismus, Kapitalismus und die Organisationsform der Demokratie gehörten ebenfalls zum Lehrstoff. Von all diesen Organisationsstrukturen ahnte der Mensch in der Jungsteinzeit nichts – oder vielmehr: Wir wissen gar nicht, in welcher Form sich die damaligen Menschen in ihrem Menhirenviertel am Gestade des Ozeans organisierten.

Im Carnac der Jungsteinzeit offenbarte sich eine unternehmungslustige Sippe.

Jener Mensch stand am Beginn der intellektuellen Entwicklung, intellektuell in dem Sinn, wie wir es heute verstehen; in der intellektuellen Geburtsphase, die über die Jahrtausende hinweg, uns, den Menschen, zu jenem immensen Denkgefüge führte, das wir stolz und mit Recht unsere Kultur nennen. Vor sechstausend Jahren stand von unserer Lebensart noch wenig bis nichts.

Betrieb auf der Strasse in Paris @ Georges Scherrer

Im Carnac der Jungsteinzeit offenbarte sich eine unternehmungslustige Sippe, die etwas plant, auf die Beine stellt und mit Stein verbildlicht, und nicht ein musisches Geschlecht, das seinem Empfinden und dem, was es sieht, mit naiver Kunst, etwa Strichmännchen, oder ausgefeilten Bildern wie gemalte Mamuts Ausdruck gibt.

Zeichen an einer Wand @ Georges Scherrer

Die steinzeitliche Gemeinschaft in der oberen linke Ecke Europas begann überlegt ihre wagemutigen Pläne grossräumig um zu setzen und aus zu gestalten. Das tönt banal, bedeutet aber für die damalige Epoche einen grossen Schritt – wenn nicht sogar einen gewaltigen Sprung vorwärts.

Ein grosser Schritt für die Menschheit @ Georges Scherrer

Wann haben die Bewohner des historischen Carnacs entschieden, einen ersten Stein zu setzen und diesem einen zweiten, einen dritten und weitere folgen zu lassen? Wann hat diese Spezies verfügt, neben den ersten Steinen in einem bestimmten Abstand einen zweiten zu stellen und dann noch weitere, sodass die Steinreihen sich nicht nur in die Länge zogen, sondern auch in die Breite bewegten? Stand dieser Plan von Anfang fest oder ergab er sich im Verlauf der Arbeiten, gewonnen aus entstandenen Überlegungen, gewissenhaften Erörterungen oder kritischem Überdenken der ursprünglichen Zielvorgabe?

Es war ein riesenhaftes Unternehmen, das fast den Namen „Konzern“ verdient.

Ist die Erweiterung der Alignements die Folge eines Lernprozesses, der auf der gründlichen Analyse des bereits Aufgebauten gründete? Welche Reflexionen bewogen die Entscheidungsträger von damals, die Richtung der Menhirereihen zu bestimmen? Nicht gen Norden, sondern nach Osten? War die draufgängerische Neugier, wirklich Neues und überraschende Zusammenhänge zu entdecken, die feste Triebfeder des Handelns, so dass die weitläufigen Reihen der Steinserien sowohl in die Richtung gebende Länge wie in die ebenfalls beeindruckende Breite ausschweiften?

Verwirrender Weg in die Zukunft @ Georges Scherrer

In welcher Form wurde das zielstrebige Gesteingebilde vorangetrieben: in die irritierende Länge oder in die feste Breite? Wurden die Steine zuerst nebeneinander oder nacheinander aufgestellt?

Diese erneute Frage und schon rein der Umstand, dass so viele Rückfragen gestellt werden können, zeigt, welche Grösse, welche Bedeutung das Unterfangen „Steine aufrichten“ hatte; ein riesenhaftes Unternehmen, das fast den Namen „Konzern“ verdient. Möglicherweise muss sogar von einem prähistorischen „Konglomerat“ gesprochen werden, also dem gelingenden Zusammenspiel verschiedener Arbeitsbereiche, die ganz unterschiedliche Arbeitsgebiete abdeckten und unter einem Dach zusammengeführt wurden.


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2 Kommentare zu „Die Idee

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