Das Feld

Vorher: Der Gedanke

Das Feld

Die Überlegung, die Carnac möglich machte, ebnete den Weg für etwas, das neue Horizonte öffnete und zwar nicht im Nahrungsbereich und bei der Selbstversorgung, sondern in einer intellektuellen Dimension.

Die Steinreihen – wer sie noch nie gesehen und in ihrer Gesamtlänge abgeschritten hat, kann keinen Eindruck davon bekommen, kann sich kein Bild davon machen, was Carnac bedeutet! Mit anderen Worten: Es fehlt Ihnen eine Erfahrung, die nicht nur sentimental, sondern gut geerdet und somit tief im Menschen verwurzelt ist.

Der Geist entflieht der Enge.

Diese gigantischen Steinreihen fliegen geradezu in die Ebene hinaus und verlieren sich schier am Horizont. Sie lösen sich aus dem strengen Rund, der engen Form der Dolmen und Cairs und bilden auf diese Weise eine weitgreifende Befreiung.

Kein Cairn – aber doch ein unterirdischer Schutz @ Georges Scherrer

Der Geist entflieht der Enge des in sich Geschlossenen, des Kreises und wagt sich in neue Felder hinaus.

Das Gebiet der Bretagne zeichnet sich heute durch eine Vielzahl an Weiden und Waldebenen aus. Der freie Geist kann weithin wandeln und sich schliesslich in fernen Landstrichen verlieren. Dieses Gefühl nehmen die immensen Steinreihen auf und setzen sie in eine geometrische Form um.

Der Wind spielt mit den Kanten – zischend, pfeifend, harmonisch.

Ob schon zu Beginn einer supponierten Planung der Steinzeilen als integrer Inhalt von dem, was werden sollte, klar war, dass die Steinreihen weit in die Ebene hinausgezogen werden sollten, dürfte uns für immer verborgen bleiben. Das Resultat aber, der Bau, lässt sich sehen und wird bereits die Einheimischen wie auch die Besucher von damals gehörig beeindruckt haben, als sie sich zwischen den schweigenden Kolonnen hindurchbewegten. Möglicherweise spielte der Wind mit den Kanten und Zacken der aufgestellten Felsstücke – zischend, pfeifend, harmonisch.

Die Zacke eines Steines kann verletzen @ Georges Scherrer

Nicht nur die Länge der Reihen überrascht, sondern auch ihre Anzahl. Wären es zwei oder drei Linien, die nebeneinander her laufen, quasi in immer gleichem Abstand, wäre dies noch hingegangen. Man hätte an einen Zufall denken können, an ein Spiel, an dem sich die Geister von damals versuchten, als sie sich daran machten, ihr Wunderwerk zu verwirklichen.

Wer in die Menhirenketten hinein schaut, dem öffnet sich der Blick nicht nur in die Weite.

Die nunmehr stehenden Folgen der nüchtern wirkenden Steine ziehen sich aber wie ein breites Band dahin. Wer in die Menhirenketten hinein schaut, sich mitten in ihnen befindet, dem öffnet sich der Blick nicht nur in die Weite, sondern ebenfalls in die Breite.

Diese Breite führt dazu, dass der Betrachter sich, schaut er sich um, nach links und nach rechts, vorwärts und rückwärts, unvermittelt dem Gefühl ausgeliefert sieht, er befinde sich in einem Wald aus Riesen, Klötzen und Zwergen, die in erstarrter Position gemeinsam verharren und dieselbe Bausubstanz aufweisen.

Drinnen im steinzeitlichen Gewölbe aus einheitlichem Material @ Georges Scherrer

Dieser nicht aus Holz gewirkte lichte Wald erscheint aus unmittelbarer Nähe betrachtet, als hätte der Zufall den Standort jedes monumentalen Einzelstückes minutiös bestimmt. Dem ist nicht so. Der Blick vor und zurück und zur Seite belehrt den Betrachter, insbesondere, wenn er seinen Standort leicht verschiebt, eines Besseren. Die sich ändernde geometrische Perspektive wirkt auf den Verstand wie ein Schattenspiel, das sich in ständiger Bewegung befindet und den ersten Eindruck des Gesehenen als eine Täuschung entlarvt.

Mit jedem weiteren Blick stellt sich das Gefühl ein, die Steinreihen würden eine andere Ordnung in die eigenen Gedanken bringen.

Mit jedem weiteren Blick, der in die Alignements geworfen wird, stellt sich stärker das Gefühl ein, die Steinreihen würden sich neu ordnen und auf diese Weise eine andere Ordnung in die eigenen Gedanken bringen.

Der Steine Masse, ihre Anzahl, ihre sich wiederholenden Formen und die untadeligen Strecken, die sie bilden, führen im Denken eine klare Struktur herbei. Einen Schritt weiter, und schon überfällst den Betrachter der Eindruck, diese Ordnung falle wieder auseinander. Erneut sieht es danach aus, als werde man von den mächtigen Steinbrocken gleich erschlagen.

Zu bedenken ist, und dies einmal mehr, dass gemäss den Aussagen von Forschern die Menschen von damals kleineren Wuchses waren als wir aktuelle Bewohner des Erdballs und ihnen darum die grossen Menhire, aber auch die kleineren, grazileren grösser erschienen als uns heute, die wir staunend zwischen diesen massgebenden Steinen stehen.

Die Vielzahl der Menhire gewährt ganz verschiedene Durchsichten.

Die gepflegten Steinalleen laden zum Wandeln ein. Es entsprach nicht nur einer Leistung, die vielen Steine vor Ort zu bringen und aufzurichten. Vielmehr folgte eine neue Leistung, deren Leitgedanke nicht durch die Tumuli, Cairs und Dolmen vorgegeben war, sondern aufgrund des aufrecht stehenden Menhirs und seiner Bedeutung. Der Menhir stand für das Leben, die Vielzahl der Menhire, aufgerichtet in Reih und Glied, für eine neue Ordnung – eine Ordnung aber, welche die geradlinig verlaufende einfache Linie der Menhire durch eine Vielzahl von Reihen durchbricht und so aufgrund der verschiedenen Steinreihen ganz verschiedene Durchsichten gewährt.

Menhirebrocken unter Denkmalschutz @ Georges Scherrer

Nicht nur die Anzahl der parallellaufenden Reihen und der Steine wirkt stimulierend auf Denken und Hirn. Im Westen stehen riesige Brocken. Nach Osten hin werden sie auf einer gewissen Distanz kleiner und zierlicher. Sie gestatten gar, dass der Betrachter wegen der deutlich geschrumpften Scheitelhöhe der einzelnen Monumente über die verschiedenen Serien von Steinblöcken hinwegsehen kann. Die Brocken zu Beginn der Strecke, die aufgrund ihrer Masse und Grösse die ganze Aufmerksamkeit der Schauenden auf sich bannen, weichen feineren Gebilden, die auf einmal Übersicht und Weitsicht gewähren und somit Raum öffnen für freiere geistige Aussichten.

Möglich wird diese Befreiung des Denkens, weil der Mensch geschickt eine Unregelmässigkeit im Gelände nutzte.

In Carnac kommt es noch besser. Die Topographie des Geländes gestattet an einem bestimmten Ort den Blick aus der Vogelperspektive auf die kulturhistorisch bedeutsame Stätte. Dort, wo der Bach mit dem koketten Namen Kerloquet ein Tal in die Ebene geschnitten hat, schaut der Betrachter von einer übergeordneten Krete auf die andere Talflanke hinüber und merkt verblüfft, dass er auf eine ganze Anzahl von Hinkelsteinen hinabblickt, die einen Hügel hinauf zu eilen scheinen. Das heisst, der Mensch steht über den Steinen, scheint sie, indem er den Überblick hat, zu beherrschen, während zu Beginn der Alignements der Stein den Menschen kontrolliert.

Möglich wird diese Befreiung des Denkens, weil der Mensch von damals geschickt eine Unregelmässigkeit im Gelände, ein Tal, nutzte, um seine Steinspaliere anzulegen. Auf diese Weise eröffneten die Erbauer der Galerien verschiedene Perspektiven auf ihre flotte Schöpfung.

Am Scheideweg @ Georges Scherrer

Die Stelle, die der Besucher nach beinahe drei Kilometern Marsch durch die Steinkolonen erreicht und welche die Sicht wie aus dem Flug einer Möwe, von denen es in der Gegend viele gibt, auf den Pulk der aufwärts eilenden Steingestalten gestattet, ist aus einem weiteren Grund äusserst interessant.

Nicht, dass für einen Augenblick lang die bergauf eilenden Standbilder aus der Urzeit wie eine Momentaufnahme in einer Filmsequenz wirken!

Gerodet werden musste sowieso.

Es mag sich um einen Zufall handeln, dass die Menhirenreihen genau an dieser Stelle leicht nach Nordosten ausscheren.

Sie hätten, hätte dies dem Willen der Bauherren entsprochen, durchaus geradeaus weitergezogen werden können. Standen diesem Vorhaben geradeaus Wälder den Planern im Weg, so taten die Bäume dies gewiss auch links und rechts der Gerade. Gerodet werden musste, sofern Wälder bestanden, sowieso, um den Menhiren den Weg frei zu machen.

Dem Entscheid folgt die lange Gerade und dann die Kurve und somit eine neue Richtung @ Georges Scherrer

Der Satzbau (In Arbeit)

Zurück nach Carnac

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: