Der Gedanke

Vorher: Das Geld

Carnac ist und bleibt ein Gedankenexperiment. Die Überlegungen zur generalstabsmässigen Planung können aufgrund des vermuteten Organisationsstandes der damaligen Menschen gestrichen werden. Vor 6000 Jahren, 2000 Jahre bevor die ersten Pyramiden entstanden, erfanden die Menschen im Norden Europas ein Denksystem, das in keiner Weise mit der durchstrukturierten Organisationsordnung, die wir kennen, gleichgesetzt werden kann. Die neu entwickelte Kunst zu denken stellte den Grundstein für ein gedankliches Reflektieren, dessen Abbild die stillen Alignements sind.

Der Mensch stand am Anfang eines neuen Schubs von Weiterbildung.

Es muss davon ausgegangen werden, dass, als die ersten Steine aufgestellt wurden, das schlussfolgernde, abstrakte Überlegen der Menschen als Weiterentwicklung des instinktiven Handelns in der Meute in seinen Anfängen steckte.

Lose Steine bilden ein einfaches Bauwerk @ Georges Scherrer

So ist auch die Entstehung der Alignements zu verstehen. Der Mensch stand damals am Anfang einer zivilisatorischen Entwicklung, eines neuen Schubs von Weiterbildung. Er vollbrachte zu jener Zeit, wie im Augenblick, als er sich das Feuer urbar machte, eine denkerische Leistung, welche heute im Grunde jedes Schulkind beherrscht und darum gar nicht mehr erwähnenswert ist oder wertgeschätzt wird.

Niemand reichte ihm die Hand.

Damals stand jedoch der Mensch vor ganz anderen Herausforderungen als das Schulkind von heute, welches von Erwachsenen in das Wissen unserer Zeit eingeführt und auf seinem Lernweg begleitet und gefördert wird. Der Mensch von damals war auf sich selber gestellt und befasste sich mit einer Entwicklung, zu der ihm niemand die Hand reichte. Er konnte lediglich auf seinen Erfahrungen aufbauen und jenen der Tradition, mit der er brach, um Carnac auf die Beine zu stellen. Er verliess die Sicherheit des Kreises und machte sich auf in die Gerade.

Der Strich im Stein: überraschend @ Georges Scherrer

Mit den wenigen Hilfsmitteln, die ihm damals zur Verfügung standen, ohne Eisen und Stahl, in Tüchern und Fellen gewandet, machte er sich an die Alignements und zog sie weit in die Ebene hinaus. Und einmal mehr bleibt uns Menschen von heute nichts Anderes übrig, als staunend vor dem zu stehen, was Menschen über zwanzigtausend Generation vor uns, unsere Vorfahren, geschaffen haben. Was ihre Absicht bei diesen Arbeiten war, werden wir nie erfahren. Aus dem, was wir heute sehen, lassen sich aber durchaus einige Fakten erschliessen.

Was bewirkte diesen Sinneswandel?

Der Mensch von damals trieb die Menhirenreihen vorwärts. Wenn man heut gelassen über die Felder an den aufgerichteten Steinen vorbeischreitet, fällt auf, dass ihre Reihen nicht immer geradlinig verlaufen. Dringt man von Westen her in die Alignements ein, so entdeckt man, dass diese nach gut einem Kilometer unisono leicht nach links abbiegen. Was bewirkte diesen Sinneswandel der Erbauer von Carnac? Eine Notwendigkeit, um diese auffällige Kehre in den Verlauf der Kette der Kolosse zu setzen, bestand nicht. Die Topographie hätte die Gerade, einmal mehr, durchaus zugelassen.

Der Bruch in der Linie @ Georges Scherrer

Angenommen, die Arbeiten starteten im Westen, dann hätten die Linien ohne Schwierigkeit gerade über die Ebene gezogen werden können. Hätte der Bau im Osten begonnen, dann auch hätte die Konstruktion uniform im Westen enden können.

Man darf heute durchaus, ohne sich argumentatorisch ganz in Abseits zu stellen, davon ausgehen, dass die Arbeiten im Westen ihren Anfang nahmen, nahe dem Meer, das, wie die Forscher erklären, den Menschen in der Gegend den grössten Teil ihrer Nahrung verschaffte und ihnen auf einfache Art erlaubte, in diesem Gebiet gesichert Fuss zu fassen

Das Meeresufer bildet eine klare Linie, die eine Trennung, aber auch einen Anfang markiert.

Klare Linien – klare Striche @ Georges Scherrer

Im Westen befinden sich die grössten Steine und die grössere Anzahl von Linien. Der östliche Teil der Alignements wartet weniger imposant auf. Menhire und Reihen laufen in der Ebene aus, lösen sich quasi auf. Verschiedene Deutungen sind möglich.

Man muss sich in jene Zeit zurückversetzen und all die Bibliotheken und Schulen vergessen, welche uns das Wissen von heute vermitteln.

Gesammeltes Wissen und gesammelte Unterhaltung @ Georges Scherrer

Der Mensch stand vor einer Fläche, die er für die Menhirenreihen bereitstellen, roden musste. Büsche und vermutlich auch Bäume mussten weg. Wann kam der Anstoss? Wann kam der Kick, der dazu führte, dass eine Unmenge von Steinen aufgerichtet wurde? Was führte dazu? Stand der Mensch von damals wie der Literat vor einem leeren Blatt, das es zu füllen gilt: Keine Idee, was er schreiben will; eine Idee, was er schreiben will, aber nicht weiss, wie anzufangen; eine Idee, die nur danach brennt, aufs Blatt gebannt zu werden, der Literat darum sofort zu schreiben beginnt? Wie stand der Mensch von damals vor dem Feld von Carnac?

Der wirkliche Beginn @ Georges Scherrer

Man muss sich in die Banalität hineindenken, dass, als der Mensch vor rund 6000 Jahren den ersten Menhir aufstellte, dieser Mensch nicht wusste, dass dem ersten viele andere folgen werden.

Dem Menschen von damals mangelte es nicht an Intelligenz, aber an geschulter Intelligenz, eben jener, die heute den Schulkindern antrainiert wird und dank einem konsequenten Lernen in einem Prozess, der einige Zeit dauert, den Verstand schärft.

Die Menschen starteten ein grosses Unternehmen.

Was wissen wir von der Planung, mit welcher die Arbeiten von damals vorangetrieben wurden? Uns bleiben lediglich die Steinalleen, endlose Augenweiden und stattliche Windfänger, die in allerlei Varianten heute noch den Anblick der prähistorischen Stätte prägen.

Die Menschen von damals starteten ein grosses Unternehmen. Bis neun Reihen Menhire legten sie nebeneinander. Entsprach dies der ursprünglichen Planung? Es ist müssig danach zu fragen.

Das Ziel ist erreicht @ Georges Scherrer

Die Linien folgen in klar definiertem Abstand einer strengen Richtung, gestalten die Ebene aus, in welche sie hineingriffen und heute noch tun. Erbracht wurde damit, rein praktisch gesehen, eine wesentlich grössere Leistung als sie dann gegeben ist, wenn lediglich ein einziger Stein versetzt wird, etwa um einen Dolmen zu decken, nachdem verschiedene andere Steine so platziert wurden, dass sie den Deckstein halten konnten.

Vielleicht auch nicht. Es ist wichtig, dass man als Kutscher die Pferde regelmässig an die Zügel nimmt, sonst brechen diese wie schlecht kontrollierte Gedanken durch.

In einem gewissen Moment muss die Idee entstanden sein.

In einem gewissen Moment, nachdem neben dem ersten Hinkelstein ein zweiter platziert war, muss die Idee entstanden sein – oder war sie bereits zuvor ausgegoren worden? – der begonnenen Duplizierung weitere folgen zu lassen. Entsprang diese Idee der Vorstellung eines einzelnen Menschen oder wurde sie durch eine Gruppe erdacht und entwickelt?

Hilfswerkzeuge – von heute @ Georges Scherrer

Damals verfügten die Menschen nicht über die technischen, motorbetriebenen Hilfsmittel, die uns nun zur Verfügung stehen und das Leben erheblich erleichtern. Die Arbeiten, das Aufrichten der Steine, dürfte einige Zeit beansprucht haben. Vermessen ist es nicht, davon auszugehen, dass die Erstellung der Alignements die Leistung einer an Mitgliedern bedeutenden Gruppe darstellt.

Wie viele Generationen deckten den Zeitraum des Baus ab?

Die Wissenschaftler sagen, dass die Lebenserwartung der Menschen von damals deutlich geringer gewesen sei als in unserem Jahrhundert. Die Arbeiten an den Alignements werden sich vermutlich über Jahre hingezogen haben. Stellen sie das Werk einer Generation dar? Wie viele Generationen deckten den Zeitraum des Baus bis zu seiner Vollendung ab, angefangen bei der ersten Idee und der Überzeugungsarbeit, die geleistet werden musste, um die Hirten, Fischer, Sammler und Jäger dazu zu bewegen, einen bedeutenden Teil ihrer Kräfte und Mittel für ein derartiges Unterfangen zur Verfügung zu stellen?

Auch wenn eine einzelne Person für das Unternehmen verantwortlich zeichnete und das Unternehmen in Eigenregie anwarf und supervisierte, dann muss sie ihre Überzeugungsarbeit auf ein Team übertragen haben, das ihr half. Es brauchte einen hohen Grad an Organisationsfähigkeit.

In Carnac stehen zu viele Steine.

Falls eine einzelne Person die Alignements veranlasste und das Projekt durchsetzte, so arbeitete die Zeit gegen diese. In Carnac stehen zu viele Steine. Eine Menschengeneration von damals wird wohl kaum genügt haben, um das Carnac, so wie wir es heute sehen, zu errichten.

Die Alignements von Carnac allein zählen über zweitausend Steine. Addiert man jene in der näheren Umgebung hinzu, sind es gegen dreitausend Steine.

Enormes Unterfangen – schwere Steine @ Georges Scherrer

Nötig waren eine ungeheure intellektuelle Leistung und immense Überzeugungskraft, in welcher Form auch immer diese geleistet wurde, um die Zeitgenossen solcherart zu motivieren, dass sie eine derartige Aktion auszulösen wagten.

An dieser Stelle darf gefragt werden, ob das Volk von da zu mal, im Gegensatz zum handwerklichen Geschick, bereits über die rhetorischen Werkzeuge verfügte, um jene Überzeugungsarbeit zu leisten, welche nötig war, damit ein koordiniertes Aufstellen der Alignements über einen bestimmten Zeitraum gewährleistet werden konnte?

Die Bauleute von damals konnte nicht auf einen Generalunternehmer zurückgreifen.

Die Bevölkerung mussten zu einer Anstrengung bewegt werden, die in ihren Augen möglicherweise unnötig war. Dolmen und Cairs schützten die Toten vor den wilden Tieren. Die Alignements hingegen: Wofür sollten sie stehen? Nicht einmal für die Beobachtung der Sterne taugen diese, bogen doch ihre Reihen auf einmal von der ursprünglichen Richtung ab; stiegen gar in ein Tal hinab.

Die Bauleute von damals konnte nicht wie wir heute auf einen Generalunternehmer zurückgreifen, der, mit viel Logistik ausgerüstet, dafür sorgte, dass die Steine herbeigeschleppt und nach einem bestimmten, auf Papier vorgegebenen Schema aufgestellt wurden, dies nach einer streng definierten Ordnung.

Penible Planung @ Georges Scherrer

Und trotzdem, auch wenn es ein einzelnes Wesen war, das für die Alignements verantwortlich zeichnete und unter dessen Ägide das Wunderwerk von Carnac erstellt wurde, so bleibt die Bedeutung der intellektuellen Leistung der Macher von damals erhalten, die es ermöglichte, dem ersten Menhir einen zweiten, einen dritten, einen vierten und so fort folgen zu lassen.

Hinter dem an und für sich tolldreisten Unternehmen stand eine beherzte Überlegung, die sich vom blossen instinktiven Handeln loslöste, das allein dem täglichen Überleben in einer zum Teil unwirtlichen Umgebung diente.

Carnac: Enorme Kräfte waren am Werk @ Georges Scherrer

Die gewaltigen Stürme, welche vom Atlantik hereinziehen, sind zum Teil sehr garstig. Irgendwelchen Schutz vor diesen Wetter-Ungetümen boten die langen Steinanordnungen nicht. Spötter würden an dieser Stelle leichthin einfügen: Die Alignements taugten lediglich als Windkanäle.


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