Das Geld

Vorher: Die Kunst

Die Führerin, welche den Touristen heute den Weg durch die Stätte von Carnac weist, wird vor der Reisegruppe die Vermutung äussern, dass die damalige Gesellschaft über bedeutende Reichtümer verfügte. Salz stellte im gewesenen Siedlungsgebiet des heutigen Frankreichs, weit im Binnenland drin, weit weg vom Meer, ein absolutes Mangelprodukt und damit ein begehrtes, grundlegendes Handelsgut dar.

Die Führerin durch die Stätte von Carnac wird weiter mutmassen, dass der Salzhandel den Leuten an der Bucht von Quiberon möglicherweise einen bestimmten Wohlstand bescherte. Unter Reichtum und Wohlstand darf man sich selbstverständlich nicht das vorstellen, was wir heute als solchen ansehen.

Dieser bestand vielleicht nur darin, dass die Menschen sich Zeit für etwas Anderes nehmen konnten, als für die Sicherstellung des täglichen Überlebens, und sich um etwas Anderes kümmern konnten, als die täglich absolut notwendigen Verrichtungen, die sind: Fischen, Jagen, Holz und Nahrung sammeln, Putzen, Kochen, Braten, Ausruhen und Erholen und was sonst noch an Pflichten, Handlungen und Müssiggang den Tagesablauf bestimmt.

Unabdingbar im Haushalt: Feuer @ Georges Scherrer

Dieser Wohlstand ermöglichte es den Menschen, welche sich damals bestenfalls mit Tierfellen und Bastmatten gegen die Wetter schützten, sich einer denkerischen Aufgabe zu widmen, die über den Austausch von Gütern und die konkrete Malerei der Höhlenbewohner hinausging. Auf einen modernen Nenner gebracht: Der gute Shareholder Value führte dazu, dass die Menschen über genügend Mittel „finanzieller“ Art geboten, um das Unternehmen Alignements zu starten und auf diese Weise einer bestimmten Denkrichtung Vorschub zu leisten, die am besten mit dem neutralen Begriff Philosophie umschrieben werden kann. Dieser Ausdruck bezeichnet das Bemühen, das Denken in eine Struktur zu bringen, die weiterführende Gedankenschlüsse zulässt, sich also aus dem ewigen Kreislauf des Runds herauslöst.

Salz und Moneten als Zahlungsmittel @ Georges Scherrer

Geld und Geist fanden zusammen. Wie dieser Geldsegen, der Cashflow, konkret ausgesehen haben mag, ist nicht von Belang. Münzen werden es nicht gewesen sein, die als Zahlungsmittel zur Sicherung eines zufriedenstellenden Lebensunterhaltes gehortet wurden. Münzen wurden in Carnac nicht gefunden. Tauschgeschäfte bildeten vermutlich die Basis des Handels. Das Salz wurde möglicherweise mit Gütern des Feldes, des Waldes, der Jagd oder mit Arbeitskräften entgolten, die fremde Sippen zur Verfügung stellten.

Erfolgreiche Jagd-Trophäen @ Georges Scherrer

Carnac verfügte zu jener Zeit über genügend frei gestellte Arbeitskraft, um das vorgesehene Werk zu beginnen und zu verwirklichen. Dem Menschen von damals war das gesetzte Ziel genügend wert, um den immensen Aufwand für die Aufrichtung der Alignements nicht zu scheuen. Indem er die Steine auf die Beine stellte, verwirklichte er ein Vorhaben, dem ein äusserst ehrgeiziges Leitmotiv zu Grunde lag: Die Alignements nehmen die Idee der aufrechten Steine auf, die einen Gegensatz zu den waagrecht liegenden Steinen der Toten bilden.

Grabstein und Dolmendeckel @ Georges Scherrer

Das Bauwerk Carnac, das fällt auf den ersten Blick auf, war aufgrund seiner Dimensionen völlig ungeeignet für einen Versammlungsplatz. Zu weitläufig. Zu immens. Das schon. Aufgrund seiner Dimensionen taugte der Ort aber durchaus für Treffen. Die Abstände zwischen den Reihen, den Menhiren, stecken einen beachtlichen Raum ab.

Das Bedrohliche verschwindet.

Die ausgedehnten, grösseren und kleineren Flächen sind ein weiteres Element, das die Alignements auszeichnet. Dabei lässt sich ein interessantes Phänomen beobachten. Wenn der erstaunte Zeitgenosse und seine Genossin zwischen den grössten Menhiren stehen, wirken die durch diese Steine abgesteckten Räume wie abgegrenzt. Die mächtigen Steinkolosse bauen sich fast wie Mauern auf, die einen Raum einschliessen, zugleich den Blick aber labyrinthartig in benachbarte und entferntere Plätze gestatten. Steht man hingegen zwischen den kleineren und kleinen Menhiren, erhält der abgesteckte Raum eine ganz andere Bedeutung. Das Bedrohliche verschwindet. Die mit den Menhiren abgepflockten Quadrate scheinen offen und laden dazu ein, leichtfüssig von einem Feld in das nächste zu wechseln. Am östlichen Ende der Alignements entlassen sie den Besucher schliesslich in die Weite der Ebene, die heute zum Teil, wie bereits mehrfach in diesem Traktat festgestellt, bewaldet ist.

Die beängstigenden Riesen von Carnac im Spiel der Schatten @ Georges Scherrer

Einerseits schüchtern die abgesteckten Felder ein, andererseits ermöglichen die Menhire dem Besucher, mit wechselnden Einsichten durch das Menhirenfeld zu schreiten. Und zwar Einsichten, die einerseits das Auge gewährt, andererseits das Empfinden. Bedrohung und Befreiung stehen in Carnac nah beieinander. Der Geist wird angeregt. Man fühlt sich heute an die Peripatetiker der Antike erinnert, welche, geschützt vor der Glut der Sonne südlicher Hitze durch Säulenhallen wandelnd, ihren Überlegungen nachhingen und nachgingen.

Wanderung durch die Zeit @ Georges Scherrer

Die Menhire-Kolonnen boten die ausgezeichnete Möglichkeit, den Reihen entlang zu gehen, nach links oder rechts die Spur zu wechseln und dabei in Gedanken auszuscheren. Das ist auch heute noch der Fall, wenn man staunend zwischen den Steinkolossen steht oder über die Zwerge unter den Menhiren hinweg schaut und überlegt, was dieses historische Carnac überhaupt darstellen will. Viele Menschen verlassen die Reihen mit einem eigenartigen Empfinden, als seien die Gedanken nicht beieinander, sondern hierhin und dorthin gewechselt.

Bronze und Eisen waren noch weit weg.

Die steinernen Linien geben bei all der Verwirrung, die sie auslösen, den Gedanken aber auch eine Richtung, eine Orientierung.

Gemäss der Forschung waren die Menschen von damals von kleinerem Wuchs als wir heute. Der Mensch, der zurzeit der Errichtung der Alignements lebte, verfügte bereits über eine ansehnliche Auswahl an Steinwerkzeugen und weiteren Hilfsmitteln, die er der Natur abrang und die ihm das Leben erleichterten. Holz und Knochen wurden bearbeitet. Bronze und Eisen waren noch weit weg.

Unerlässlich für den Haushalt: Ein steinzeitlicher Webstuhl @ Georges Scherrer

In Carnac sicherte der Mensch seine Existenz über die Fischerei. Er vermochte erhebliche Lasten zu bewegen, wie der Bau der Dolmen zeigt. Er konnte den Stein bearbeiten und Feuer erzeugen. Er gestaltete seinen Alltag mit einfachen und schlauen Mitteln. Heute bemühen sich Forscher herauszufinden, wie die Menschen von damals die enormen Lasten bewegten und transportierten, diese steinernen Hünen, welche die Leute von heute derart faszinieren. Zog er sie im Winter über den gefrorenen Boden? Schob er die Menhire, um sie von dort nach hier zu bringen, über mit Steinen rudimentär gehobelte Baumstämme?

Eisboden als Gleitfläche für Menhire @ Georges Scherrer

Interessant zu wissen wäre auch, welche Gesellschaftsform den Bau von Carnac ermöglichte. Gab es wie in der Epoche der ägyptischen Pharaonen in Nordeuropa Sklaven? Entstanden die Alignements mit Hilfe von freiwilligen, entlöhnten Arbeitskräften, die dem Volk angehörten, das damals die Bucht von Quiberon bewohnte? Wurde Fronarbeit geleistet? Oder befand sich der Mensch von damals noch auf dem Organisationsniveau der Meute? War zum damaligen Zeitpunkt der Mensch in Nordwesten Europas gerade daran, sich von der Organisation im Rudel zu lösen und nach neuen Gesellschaftsstrukturen zu suchen? Mit Hilfe der Alignements? Indem er eine neue Ordnung schuf? Indem er der waagrechten Steinplatte einen aufrechten Steinkoloss beifügte?

Zu einem gewissen Zeitpunkt entdeckte der Mensch, dass in dieser Sache Bezüge bestehen, die nichts mit Instinkt zu tun haben.

Die Meute ermöglichte dem Menschen, in Gemeinschaft zu überleben und sich mit einfachen Mitteln vor Wind und Wetter und weiteren Gefahren, die im täglichen Leben anstanden, zu schützen; ganz so wie Tiere, die hinter Büschen, in Felsen oder auf und unter Bäumen Schutz suchen.

Der aufrechte Stein bedeutet eine Loslösung von jenen niederen Organisationsformen, die durch den Instinkt bestimmt werden. Zu einem gewissen Zeitpunkt wird der Mensch dem ersten Stein einen zweiten beigefügt und entdeckt haben, dass in dieser Sache Bezüge bestehen, die nichts mit Instinkt zu tun haben, sondern etwas Anderes bedeuten. Eine derartige Entdeckung kitzelte den Verstand des Menschen, der in Fellen geht.

Der Fellmensch @ Georges Scherrer

Auch Tiere, die spielen, also einer Tätigkeit nachgehen, welche nicht der Sicherung des täglichen Nahrungsbedarfs dienst, merken, dass Wiederholungen in einem Spiel durchaus etwas Anregendes an sich haben und den Zeitvertreib fördern.

Beim Menschen wird diese Entdeckung über den Zeitvertreib hinaus einen Prozess ausgelöst haben, der ihn zu mehr anspornte, als spielerischen Wiederholungen zu frönen. Indem der Mensch dem ersten Hinkelstein einen zweiten hinzusetzte, entdeckte er neue Zusammenhänge, die er mit weiteren Hinkelsteinen weiter ausforschte. Wie viel war zu Beginn des Baus der Alignements Planung? Diese Frage ist nicht ganz uninteressant, wenn man bedenkt, dass die Menschen von damals nicht über die Organisationsfähigkeiten der Menschen von heute verfügten.

Das generalstabsmässige Organisieren wuchs in der Menschheit mit der Zeit heran und dürfte vor 6000 Jahren erst in seinen Anfängen gesteckt haben, sofern es damals überhaupt etwas wie wirklich vorausschauende Planung gegeben hat und nicht ad-hoc-Denken das Tun, den Aufbau der Steinkolonaden bestimmte. Eine Meute ist noch kein Generalstab. – Werden im eben genannten Satz Subjekt und Objekt vertauscht, könnte das Wörtchen „kein“ vermutlich gestrichen werden.

Die Westversion wie auch die Ostversion werden ihre Anhänger finden.

Von welcher Seite her, von Osten her, vom Westen her, aus dem Norden oder dem Süden, wurden die über vier Kilometer langen Alignements in Angriff genommen? Begann der Bau im Osten, wo die Steine sich nicht in beeindruckender Grösse präsentieren, oder in Westen, wo ein Teil der mächtigen Menhire steht? Die Westversion wie auch die Ostversion werden ihre Anhänger finden.

Eine geistige Auseinandersetzung mit dieser Frage ist aber dennoch möglich.

Ob der Bau vom Norden oder vom Süden her in Angriff genommen wurde, dürfte nur jene interessieren, die Exotisches in ihr Gericht aufnehmen. Die Ost-West-Achse oder West-Ost-Achse drängt sich übermächtig auf. Diese liegt parallel zum Lauf der Sonne. Was möglicherweise nichts bedeuten will.

Aus dem Bauch heraus betrachtet dürften die Alignements ihren Anfang im Westen genommen haben. Dort steht gemäss der Führerin durch das heutige Touristengebiet ein, wie in diesem Traktat bereits erwähnt, Steinkreis. Die Führerin wird erklären, „vielleicht“, wobei sie dieses Wort besonders betont, gab dieser Kreis den Impuls für die erste Steinallee. Es hiesse sich jedoch in Spekulationen verlieren, wenn man danach suchen würde, nach welchen Kriterien die Alignements erstellt wurden. Eine geistige Auseinandersetzung mit dieser Frage ist aber dennoch möglich. Das soll nun unternommen werden.

Der Bach und sein Tal teilen die Ebene entzwei @ Georges Scherrer

Falls die Erbauer von Osten her vorrückten, dann dürfte der Steinkreis, der Cromlech, im Westen das Ziel gewesen sein. Ironisierende Betrachter werden anmerken, dass den Baumeistern bei besagtem Taleinschnitt ein feiner Fehler unterlief, dort, wo der Bach mit dem koketten Namen Kerloquet in Jahrtausenden eine kleine Schlucht in die Ebene von Carnac gegraben hat. Die Konstrukteure mussten darum auf der wieder aufsteigenden Böschung korrigierend eingreifen und die Steingalerien in die Richtung auf das eigentliche Ziel zurücklenken, hin auf den Kreis mit den Menhiren – falls beides bereits an dem Ort stand.

Liessen sie im übertragenen Sinn ihr Vorhaben versanden?

Gesichert ist hingegen, dass, von Westen her gesehen, die Steine an Grösse abnehmen. Bis zur bereits genannten Talsenke verringert sich das Volumen der Menhire stetig. Jenseits richten sich wieder beeindruckende Ungetüme in Reih und Glied auf. Weiter gegen den Osten hin verkümmern diese riesigen Menhire erneut und erreichen zuletzt zum Teil kaum die Höhe der damaligen Menschen.

Erlahmten im Osten, am heutigen Ende der Reihen, die Kräfte des Menschen des damaligen Carnacs? Liessen sie im übertragenen Sinn ihr Vorhaben versanden? Anders als andere welthistorisch bedeutende Kulturstätten versank Carnac nicht in Sand.

Körner des Vergessens: Sand @ Georges Scherrer

Ging jenen Altmeistern das „Geld“ oder wenigstens jenes Zahlungsmittel aus, das ihnen die Macht gab, die Steinreihen voran zu treiben? Setzte der Reichtum, der ihnen ermöglicht hatte, das vorgesehene Werk zu beginnen und zu verwirklichen, verflossen und vertan, dem Unternehmen ein Ende? Führte ein Einbruch im Geldfluss zu einem abrupten Abbruch der Arbeiten oder klang das Unternehmen geplant aus, wie es die immer schmächtiger werdenden Steine in den östlichen Bereichen glauben machen könnten? Brach der Tauschhandel ein, was für die Gegend eine ähnliche Katastrophe bewirkte wie jene, welche die Dinosaurier vernichtete?

Sollte bei diesen Sippen, die am weiten Gestade des nahrungspendenden Meeres lebten, beim Salzhandel oder bei einem weiteren, wichtigen Exportgut, dem als Trockenfleisch langlebigen Dörrfisch, etwas schief gelaufen sein?

Kann aus dieser Entdeckung bereits auf einen regen Handel über den Kontinent geschlossen werden, der grossen Reichtum brachte?

An den Archäologen liegt es zu belegen, wie ausgereift sich die lukrativen Tauschgeschäfte damals entwickelten und etablierten, so dass eine Gesellschaft oder eine Gesellschaftsschicht über einen derartigen Reichtum verfügte, dass sie das tollkühne Unternehmen Alignements an die Hand nehmen konnte.

In einem überaus mächtigen, hohen Tumulus, der südlich und knapp neben den Alignements liegt, wurden Grabbeilagen gefunden, die auf Verbindungen zu Gemeinschaften im heutigen Spanien und dem heutigen Österreich hinweisen. Kann aus dieser Entdeckung bereits auf einen regen Handel über den Kontinent geschlossen werden, der grossen Reichtum brachte?


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