Die Kunst

Vorher: Die Linie


Mehrere zehntausend Jahre nach Blombos hinterliessen die Menschen in Europa ebenfalls Beweise gestaltender Kunst. Die Rede ist von den Malereien in Höhlen und auf Felswänden. Chauvet, Lascaux oder Altamira gelten heute als prähistorische Stätten, die mit Hunderten von gezeichneten Tieren uneingeschränkt die Bewunderung von Millionen von Besuchern auf sich ziehen. Konsequent sind die Tiere in grosser Schönheit gemalt. Einige abstrakte Zeichnungen, die aus Punkten und Strichen bestehen, verwirren die heutigen Beschauer mehr, als dass sie wie ansprechend gestaltete, ästhetisch ausgefeilte und mit hoher Kunstfertigkeit angefertigte Gemälde betörend und gleichzeitig beruhigend auf das Gemüt des Betrachtenden einwirken.

Im Gegensatz zum abstrakten Kunstwerk aus Südafrika, bilden die Höhlenmalereien konkretes Leben ab.

Ihr Renommee führen die drei genannten Höhlen im Süden Europas nicht auf die Striche und Punktnotierungen zurück. Die handwerklich hervorragend und geschmacklich berückend ausgearbeiteten Abbildungen von Tier und Mensch unterscheiden sich wesentlich von der Hinterlassenschaft jener Menschen, welche in den Stein Strich und Punkte schlugen und somit ein erstes Zeichen denkerischer Leistung setzen, in einer Hinsicht.

Im Gegensatz zum abstrakten Kunstwerk aus Südafrika, das heute im Naturhistorischen Museum in Big Apple ausgestellt ist, bilden die Höhlenmalereien konkretes Leben ab: Tiere, Jagdszenen und Menschen. Jene Menschen zeichneten diese Wesen derart präzis, dass sie auf den bemalten Wänden als solche erkennbar sind und einer ganz bestimmten Gattung zugeordnet werden können. Die Maler bevorzugten grosse Tiere, die sie abbildeten.

Die Höhle als Lebens- und Wirkungsraum @ Georges Scherrer

Die Frage ist natürlich verwegen, ob der Mensch von Carnac seinesgleichen kannte, der von der Kunst der Höhlenmenschen im Süden des Landes wusste. Eine weitere Frage, die unbeantwortet bleiben wird.

Wissenschaftlich gesichert ist, dass die Höhlenmalereien um einen deutlichen Zeitfaktor älter sind als die Menhire.

Dem Menschen von Carnac lag nicht daran, seine Umgebung abzubilden.

Zurück nach Carnac. Dort haben Menschen vor 6000 Jahren eine ganze Menge von Menhiren aufgestellt, die nicht den Denkstrukturen der Höhlenmenschen entsprachen. Hätten jene von Carnac dem Beispiel jener in den Höhlen folgen wollen, dann hätten sie mit ihren Steinen beispielsweise dem Muster folgen können, das ein Spinne mit ihrem Netz vorgibt, und auf diese Weise der perfekten ästhetischen Konstruktion, welche diese Tiergattung beim Verweben ihrer Fangnetze verwirklicht, ein Denkmal setzen können. Die Menschen von Carnac taten dies nicht. Ihnen war nicht nach konkretem Denken. Dem Menschen von Carnac lag nicht daran, seine Umgebung abzubilden.

Eine Spinne in ihrem Lebens- und Arbeitsrevier @ Georges Scherrer

Anders als die Kunst der Höhlenmenschen bilden die Alignements von Carnac, wie die Steinreihen heissen, nicht die Abbildung einer Erfahrung, eines ästhetischen Objekts, das die Menschen kopierten und eins zu eins in die Landschaft setzten, sondern die Umsetzung eines denkerischen Vorgangs.

Die Intention der beiden Macher, dürfte höchst unterschiedlich gewesen sein.

Die Menschen haben ein Menhirenmeer von über zweitausend Steinen aufgestellt. In gewisser Hinsicht verweist das Gebilde aufgrund der Menge der in strukturierten Linien aufgestellten Felsbrocken auf das Soldatenheer, das der erste chinesische Kaiser mehrere tausend Jahre später als Grabwache unter die Erde brachte und die als Terrakottaarmee in die Geschichte eingegangen ist. Von diesen individualisierten Terrakottasoldaten in Qin Shihuangdi unterscheiden sich die gesichtslosen Menhire auch dadurch, dass sie nicht in der Erde vergraben wurden, sondern weithin sichtbar über der Erde stehen. Die Intention der beiden Macher, welche diese grundverschiedenen Monumente schufen, dürfte höchst unterschiedlich gewesen sein.

Unermessliche Weite @ Georges Scherrer

Das steinzeitliche Monument von Carnac zieht sich über mehr als vier Kilometer hin und ist damit von einer überwältigenden Länge, einer das Denken übersteigenden Dimension. Die Menhirereihen sind in ihrer Gesamtheit nicht vom Boden einsehbar.

Erschwerend für den Überblick und die Interpretation kommt hinzu, dass das Gebiet von einem Tal durchbrochen wird. Beidseitig dieses Einschnittes in das Gelände ziehen sich die Reihen dahin. Was im Westen mit grossen Brocken begonnen wurde, endet im Osten als schmaler Schwalbenschwanz, der heute von Bäumen und Strauchwerk überwuchert wird.

Auslaufende Menhirenreihe @ Georges Scherrer

Viele Fragen bleiben offen. Unweit der grossen Alignements, etwas im Abseits dieses Zentralwerks, befinden sich kleinere Steingruppen, die zum Teil aus sehr mächtigen Menhiren zusammen gesetzt sind. Besteht ein Zusammenhang zwischen diesen kleinen Menhirefeldern und dem Hauptharst der Alignements? Stehen diese Teile in einer Beziehung zueinander? In welcher? Bilden sie eine Konkurrenz zum Zentralstück oder fügt sich die ganze Gegend zu einer Einheit zusammen? Welcher Ordnung folgt das Denken, das diese Bauwerke errichtete und organisierte? Auch diese Fragen werden wohl unbeantwortet bleiben.

Was an dieser Stelle bisher wiedergegeben wurde, sind Fakten. Zur Natur eines Traktates gehört, dass als denkerische Leistung eine Interpretation dessen folgt, was die Erbauer von Carnac auf die Beine gestellt haben. Das sei nun gewagt.

Was ist den Menschen von damals eingefallen, um so etwas aufzustellen, was sich an Berühmtheit nur mit Stonehenge messen liess.

Die Alignements von Carnac formten aufgrund ihrer Ausmasse ganz sicher nicht einen geschlossenen Versammlungsplatz. Flächen solcher Grösse sind schwer mit Menschen zu füllen. Wie viele Leute haben auf dem Tjenanmen in Peking Platz. Millionen? So viele werden damals nicht in Carnac gelebt haben. Was ist den Menschen von damals eingefallen, um so etwas Gigantisches aufzustellen, was sich an Berühmtheit und Bedeutung in jener Zeit wohl nur mit Stonehenge messen liess, also jenem Rund jenseits des Ärmelkanals, wo sich die Gesellschaft wie eine Dorfgemeinschaft zu Saus und Braus im Kreis einfinden konnte.

Andere Berühmtheit: Stonehenge @ Georges Scherrer

Verschiedene Elemente zeichnen die Alignements von Carnac aus. Die Menhire sind nach Grösse geordnet. In den über vier Kilometer langen Reihen ist zudem zu beobachten, dass sie nicht der Gerade folgen, sondern über ihre Gesamtlänge hinweg eine Kurve bilden. Die gesamte Anlage ist, wie schon einmal erwähnt, in ihrer Gesamtlänge vom Boden aus nicht einsehbar. Dazu bedarf es schon des Flugs eines Vogels oder der Sicht, welche ein hochfliegender Heissluftballon bietet.

Amateurhaftes Denken führt zur Behauptung, dass Ausserirdische ihre Hand im Spiel hatten, als die Alignements gestaltet wurden. Sobald man aber diesen esoterischen Weg verlässt, folgt sofort die Überlegung, dass der Mensch im damaligen Carnac, dessen ursprünglicher Name nicht überliefert ist, das ganze Gebilde der Alignements mit seinem Geist erfasste. Und an dieser Stelle wird die Analyse spannend.

Weitsicht in die Vergangenheit @ Georges Scherrer

Prähistorische Funde belegen, dass der Mensch in der Urzeit bereits Gefässe wie Vasen und Tassen mit Punkten und Strichen verzierte. Doch Carnac ist mehr als Schmuck. Die immense Dimension der Anlage spricht dafür, dass sie ihrer Grösse wegen der eigentlichen Verzierung der Landschaft hätte dienen können. In der Gegend befindet sich aber keine Erhebung, kein Berg, der es erlaubt, die Schönheit der Alignements von oben und erst noch als Ganzes wahrzunehmen.

Auf dem Boden der Wirklichkeit bleibend, kann Eines festgehalten werden. Carnac bedeutet zunächst einmal ein ganzes Stück harte Arbeit. Die schon genannte Führerin durch die Alignements, eben jene, die erklärte, dass das Schleppen der Steine den Boden nachhaltig beschädigte, so dass dort für einige Zeit keine Bäume mehr wuchsen und die Steine darum weitherum sichtbar waren, die Leute darum wie auf Wegen zwischen den Steinreihen hindurch gingen; eben diese Führerin wird erklären, dass sich beim Beginn des ersten Alignements, das zunächst beim Ort Carnac liegt, ein stark beschädigter Steinkreis steht, in dessen Zentrum sich ein heute zerstörter Menhir befand.

Von diesem grossen Menhir aus verlaufen die Linien in Richtung Nordwesten. An die Stelle der ersten übergrossen Menhire treten mit zunehmender Entfernung immer kleinere. Zwischendurch wachsen sie wieder zu stattlicher Grösse an.

Der Kreis als Ausgangspunkt @ Georges Scherrer

Ganz am Ende der Reihen – wo der Wald die Steinstreifen überwuchert – folgen wieder kleine Gebilde wie als Ausläufer der Anlage.

Hält man sich vor Augen, dass es eine ganz gehörige Zeit benötigt, um diesen Menhirenwald abzuschreiten, dann wird auch deutlich, wie viel Zeit es brauchte, um diese ganze Einrichtung auf die Beine zu stellen, nachdem die Steine erst einmal hergeschleppt worden waren. Zudem wurden sie nicht nach dem Zufallsprinzip hingesetzt, stehen nicht durcheinander, ungeordnet wie ein dichter, naturgewachsener Baumbestand, sondern streng in Reih und Glied Spalier.

In der Baumschule @ Georges Scherrer

Ein weiteres Element fällt bei den Alignements auf. Nach einigen Kilometern wendet sich der Menhirereigen leicht aber doch deutlich nordwärts. Die Richtungskorrektur wird vermutlich ohne Bedeutung sein. Vielleicht doch. Man wird es nie wissen.

Die Topographie des Geländes hätte es gestattet, die Steinreihen in ihrer ursprünglichen Richtung weiter zu ziehen, dies trotz des brüsken Einschnittes, den ein Tal bildet.

An diesem Ort war ein grosses Denken am Werk.

In Carnac muss eine ungeheure Kraft am Werk gewesen sein. Nicht eine, welche durch den Bizeps wirkt, sondern eine, welche vom Geist getragen und angetrieben wird. Die Alignements sind von einer solchen Weite und auch Präzision, dass durchaus gesagt werden kann: An diesem Ort war ein grosses Denken am Werk, das weit über das hinaus reichte, was denkerisch nötig war, um, aus welchem Geist auch immer, einen Kreis zu ziehen.

Geist und Denken stossen in den unterschiedlichen Strukturen Punkt und Linie aufeinander. Die Alignements bilden an ihrem Startpunkt ein Wechselspiel geometrischer Ausgangsformen und deuten auf diese Weise auf eine schöpferische Auseinandersetzung hin – nicht eines Schöpfers, sondern von Geschöpfen, die mehr wollten, als nur die Natur kopieren oder für sich einen Raum abstecken, wo Menschen zusammenkommen können.

Schöpferische Auseinandersetzung @ Georges Scherrer

Im Doppelklang von Geschöpf und Schöpfer liegt möglicherweise die Antwort darauf, was in Carnac vor sich ging, als der Mensch daran ging, nicht geleitet von einem Schöpfer, sondern selber Schöpfer, auf der Basis seines eigenen Denkens und Fühlens, seiner eigenen Verantwortung und seines eigenen Entschlusses, ein Bauwerk auf die Beine zu stellen. Er bewegte sich weg von den vagen Eingebungen eines unbestimmten, suchenden Geistes hin zu einem zielgerichteten Denken. Carnac zeugt zu aller erst einmal vom Bemühen, dem Denken, das sich von der Kreisform befreit, eine ganz bestimmte Richtung zu geben.

Aus irgendeinem Grund hätten die Menhire die Struktur des Kreises, die durch einen Mittelpunkt geprägt ist, aufnehmen können. Sie hätten sich sternförmig von diesem Mittelpunkt wegbewegen können. Die Ebene von Carnac bietet für eine solche Konstruktion genug Raum.

Blick in den Sternenhimmel @ Georges Scherrer

An anderen Orten standen steinzeitliche Gebilde, welche mehrere Steinkreise umfassten. Das schon genannte Stonehenge gehört zu diesen Modellen früherer Baukunst: Um einen zentralen Kreis bilden sich weitere. Von einem grösseren tritt man in ein kleineres Rund. Ganz anders Carnac.

Schriftliche Quellen gibt es nicht.

Die Alignements stellen deutlich und klar das Bemühen dar, sich von der Kreisform und alles, was sie beinhaltet, quasi zu entfernen. Dieses Wort „quasi“ weist natürlich auf die unsichere Grundlage hin, auf welcher diese Analyse basiert. Schriftliche Quellen zu den Absichten, welche die Erbauer von Carnac hegten, gibt es nicht. Nur die über zweitausend Menhire erzählen davon, was die Menschen von damals beabsichtigten. Jeder Menhir ist ein Buchstabe. Zusammen bilden sie das Buch, in welchem es heute nach bestem Gewissen und Wissen zu lesen gilt.

Das Zusammenfügen von Buchstaben muss erst gelernt sein @ Georges Scherrer

Liegt vielleicht in der Überlegung zum Buch der Schlüssel, der das Geheimnis über Carnac öffnet? Gibt es neben den bereits genannten Elementen weitere, auf welche hingewiesen werden muss? Sicher, es gibt wenigstens noch eines: Die Abstände zwischen den Steinreihen. Die durchstrukturierte Aufstellung der Schaustücke weckt bei vielen Liebhabern von prunkvollen Paraden Bewunderung und Assoziationen. Sie mahnen ein Defilee an. Die selbsterklärten Fans einer monumentalen Felsbrocken-Openair-Aida-Oper können argumentieren, dass die Reihen weit genug auseinander standen, um zwischen ihnen Prozessionen durchzuführen; dies über vier Kilometer und über zum Teil unwegsames Gelände hin.

Ein breites Band bis zum Horizont @ Georges Scherrer

Die gigantische Anlage lässt aber vielmehr den nun mit grosser Frechheit geäusserten Schluss zu, dass die Struktur des Denkens der Menschen von damals grundlegend war für den Bau der Menhirelinien. Die Menschen von damals gesellten zu einem ersten Menhir einen zweiten und entdeckten dabei, dass die so gebildete Linie weitergezogen werden kann. Der Mensch tat das. Er konnte das tun, weil die Gemeinschaft von damals in der heutigen Bucht von Quiberon über genügend Kraft verfügte, um sich aus der Macht des Kreises zu befreien.


Das Geld

Zurück nach Carnac

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