Altsteinzeitliche Globalisierung

Vorher: Der Anfang


Es kann davon ausgegangen werden, dass die Menschen in der Mittelsteinzeit sich nicht auf allen Erdteilen, die sie zu einigen Tausenden, vielleicht einigen Hunderttausenden bevölkerten, in gleichem Masse entwickelt haben. Ägypten war nicht überall und auch nicht überall der nahöstliche Fruchtbarkeitsgürtel, der fruchtbare Halbmond, der sich vom Euphrat und Tigris über Nordsyrien bis in den Libanon erstreckte und die Geburt verschiedener alter Hochkulturen ermöglichte.

Fruchtbares Nildelta @ Georges Scherrer

Doch vor der Zeit, in welcher im eben beschriebenen Gebiet grosse Reiche entstanden und untergingen, gab es bereits Anderes – und davon zeugt beispielsweise Carnac, und dies lange bevor Cheops und Gizeh errichtet wurden.

Im Jahr 2001 wurden im Golf von Khambhat – oder Cambay, wie er auch genannt wird – auf dem Meeresgrund, rund dreissig Meter unter dem Meeresspiegel, die Spuren einer ehemaligen Stadt ausgemacht. Diese Stadt soll über 10.000 Jahre alt sein. Nach den Berichten soll diese Stätte, die zu den ältesten Städten der Menschheit gehört, bedeutende Ausmasse gehabt haben.

Selbstverständlich standen die Menschen von Khambhat in keinerlei Verbindung zu den Sippen am Atlantik.

Ein Kommentator hielt in einem Bericht fest, dass die Menschen, welche diese heute im Golf von Cambay versunkene Stadt bauten, über ein bedeutendes Organisationsvermögen verfügt haben müssen, um dieses städtische Gebilde zu errichten.

Welcher Ordnung sind sie gefolgt? Welchem Ordnungssystem?

Verbindungen dürfen hergestellt werden zwischen den Kulturen, welche die ersten menschlichen Bauwerke errichteten, darunter etwa die Monolith-Brücke von Bhimpul – deren Ursprung jedoch umstritten ist. Selbstverständlich standen die Menschen, welche den Ort im Golf von Khambhat errichteten, immerhin am indischen Ozean gelegen, in keinerlei Verbindung zu den Sippen, welche am Rande des atlantischen Ozeans im heutigen Carnac eine bedeutende Einrichtung auf die Beine stellten.

Hingewiesen werden darf aber dennoch auf den Umstand, dass auf der grobschlächtigen Skala der Menschheitsgeschichte Khambat und Carnac zeitlich nicht so sehr weit auseinander liegen. Vielleicht einige tausend Jahre.

Khambhat liegt weitgehend unerforscht unter dem Wasserspiegel.

Über den Ort Khambat weiss man heute sehr wenig, über das damalige Carnac ebenso viel. Beide Orte zeigen freilich auf, dass dort etwas gesellschaftlich Bedeutsames vor sich gegangen ist. Khambhat liegt weitgehend unerforscht unter dem Wasserspiegel. Carnac und Umgebung bieten für die Touristenscharen deutlich sichtbar eine Häufung megalithischer Stätten imposanten Ausmasses. Der indische Ort und sein Pendant in der Bretagne stellen Grossbauwerke dar.

Menhire im Wald @ Georges Scherrer

Grosses Erstaunen lösen bei den Besuchern von Carnac die sogenannten Alignements aus, die beeindruckenden Reihen von über 2000 Menhiren. Doch, noch bevor in diesem Traktat im Zusammenhang mit Khambat die Reise in die nächsten Überlegungen weitergeführt wird, muss über die Ordnung in einem anderen Zusammenhang reflektiert werden.

Die wenigsten Menschen halten es in einem völligen Durcheinander aus.

Die Geschichtsschreibung, vor allem die Archäologie, deutet mit Vorliebe vieles, von dem, was sie beobachtet, analysiert und wiedergibt, auf den Tod hin aus. In dieselbe Bresche soll nun ebenfalls hineingeschlagen werden. Und darum sei die Ordnung einmal mehr herbeizitiert. Sie muss wieder einmal gerade stehen für das, was beim Menschen eine eigene wichtige Bedeutung hat. Ich will es erklären.

Die wenigsten Menschen, sofern sie bei gesundem Menschenverstand sind, halten es in einem völligen Durcheinander aus. Verharrt man länger in einem solchen, wird man irr. Wenn man sich in einer derartig desolaten Lage befindet, dass man die Dinge um sich herum nicht mehr in Ordnung zu bringen vermag, dann macht das krank. Die Kräfte zehren am eigenen Leben und schöpfen sich mit der Zeit auf.

Kreuze im Wald @ Geoges Scberrer

So auch der Tod! Der Tod will aus menschlicher Sicht Ordnung. Eine einzelne Leiche wird nicht „ungeordnet“ beigesetzt. Möglicherweise wird das Grab nach einer Himmelsrichtung oder einer wichtigen Stätte wie etwa einem Heldendenkmal ausgerichtet, um so dem Tod doch eine Ordnung abzuringen und ihn nicht als Allmächtigen, als einen alles abschliessenden Fakt hin zu nehmen.

Der Menschen richten seit Urzeiten und in den meisten Kulturen Friedhöfe ein. Die Mauern, Gitter oder anderen Abschrankungen, welche als Umzäunung benutzt werden, dienen nicht nur dazu, die Gräber vor den wilden Tieren zu schützen. Die klar abgesteckten Grenzen schaffen einen Raum, der dank seiner Abmessung in der Weite der Landschaft eine Intimität darstellt, die als Stube für die Bestatteten in einer gewissen Weise an eine häusliche Einrichtung, an das eigene Heim erinnert, in welchem man gut behütet lebte.

Heute sprechen wir vornehm von Gemeinschaftsgräbern.

In Europa stehen an vielen Orten Dolmen und Tumuli. Wie viele Menschen dort bestattet wurden, ist nicht bekannt. Gemäss der Archäologie soll es sich bei diesen Konstruktionen zum Teil um Mehrfachgräber oder sogar Massengräber handeln. Die Cairns werden zu dieser Gattung gezählt. Heute sprechen wir vornehm von Gemeinschaftsgräbern. Die Gebilde haben jedenfalls Eines gemeinsam mit den Friedhöfen: Sie bilden einen geschlossenen Raum, der durchaus auch die Toten vor den wilden Tieren schützt. In Einem unterschieden sich indes diese Gebilde von Gräberfeldern.

Dieser Unterschied zeigt sich bei Militärfriedhöfen am augenscheinlichsten, unter anderem jenen, die nicht weit von Carnac in der Normandie errichtet werden mussten; jenen Friedhöfen, welche die Toten des Zweiten Weltkrieges aufnahmen; jenen Friedhöfen weiter weg in Belgien, welche die Toten des Ersten Weltkrieges aufgenommen haben. Dort stehen die Kreuze und Stelen streng geordnet in Reih und Glied, jedes Kreuz für sich, jedes Kreuz dem anderen gleich.

Ein Wald voller Kreuze @ Georges Scherrer

Die Leute von Carnac wussten nichts von den Schlächtereien, die an jenen Orten stattgefunden haben und in welchen viel zu viele Soldaten ihr Leben lassen mussten. Vermessen wäre es nicht, aber verwegen, wollte man eine Brücke zwischen den Reihen von Carnac und jenen von Colleville-sur-Mer schlagen. Ein Besuch beider Stätten lohnt sich. Die Gedanken werden Zusammenhänge erstellen. Diesen Zusammenhängen soll in diesem Traktat nicht nachgegangen werden. Nur auf eines sei hingewiesen: Die Reihen in Bayeux, Cintheaux, Ryes, Chouain, St-Desir-de-Lisieux, Henri-Chapelle, Verdun, Ypern, la Cambe vermitteln eine ganz klare Botschaft, die ungehört verhallt. Der Mensch ist beratungsresistent. Der Ausruf „Nie wieder Krieg“ verklingt wie der Klang eines Kieselsteins, der ins Meer geworfen wird.

Ein Friedhof besticht durch seine klaren Linien.

Doch zurück zum Traktat und seiner Botschaft: Im Gegensatz zu den Gottesackern und ihren klar gezogenen Reihen sind die Dolmen und Cairns vor allem zuerst einmal eins – neben allen anderen Interpretationen: nämlich ganz einfach ein Haufen, der mehr oder weniger geordnet durch Steine gebildet wurde. Ein Friedhof dagegen besitzt die Eigenart, dass er durch seine klaren Linien besticht, die ihm eine strenge Ordnung vermitteln. Den Dolmen und den ihnen anverwandten Tumuli und Cairns mangelt es an einem solch ausgeprägten Ordnungssinn, der sich an klaren Linien orientiert.

Die Doppellinie@ Georges Scberrer

So gesehen ist der Dolmen verglichen mit dem gut strukturierten Friedhof ein Gebilde, das nichts anderes als Unordnung ausstrahlt, auch wenn er durch seine klar abgegrenzten Ausmasse so etwas wie Ordnung suggeriert, weil er überblickbar ist; mehr aber nicht. Er liegt wie eine gewaltige, drohende Masse in der Wildbahn, wie ein schlafender Dämon im Dämmerlicht.

Der Stein besiegelt das Schicksal des Toten – oder in heutigen Worten: Deckel drauf, die Sache ist erledigt. Ein Kreis von senkrecht stehenden Steinplatten umstellt das Grab und schützt dieses vor Wind und Wetter; die Klappe darüber hält alle Unbill ab, die von oben kommt: Der Schutz ist vollkommen. Nichts geht rein, nichts geht raus. Die Sicherung durch das Rund schliesst alles ein.

Die Linie

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