Carnac – Das Dach

Vorher: Das Meer


Der Tod und das Meer bilden für jene, die das Ufer des Atlantiks bevölkern, seit je eine Einheit. Das Meer gibt Leben und nimmt es sich wieder. Das Meer fordert vom Menschen, den es ernährt, seinen Tribut. Das Meer fordert vom Menschen seinen Preis ein, wenn dieser sich das Meer urbar macht und mehr von ihm abgewinnen will als ungeniessbares Salzwasser. Wer sich ungeschützt aufs Meer hinaus wagt, der wird von diesem verschlungen.

Das wussten auch die Menschen von damals, vor 6000 Jahren, als sie am Gestade sassen und ins riesige Graublau des Nordatlantiks hinaus zum unerreichbaren Horizont blickten und sinnierten und überlegten – dachten die Menschen damals schon? Jedenfalls unterschieden sie etwas.

In jene Zeit zurück vermag der heutige Mensch trotz aller Technik nur rudimentär zu blicken.

Mit Blick auf die Bucht von Quiberon folgt sogleich eine zweite Frage: Was war zuerst – der Dolmen oder der Menhir? Dumme Frage, denkt man heute sogleich. Die Frage mag überraschen und sie wird nie mit Sicherheit beantwortet werden können. Denn in jene Zeit zurück, als die ersten Dolmen und Menhire geschaffen wurden, vermag der heutige Mensch – trotz all seiner Technik und Logik – wenn überhaupt, dann nur rudimentär zu blicken. So weit zurück reichen keine schriftlichen Zeugnisse. So bleibt unbeantwortet, was die erste Überlegung war, als der Mensch Dolmen und Menhire am Meeresrand schuf.

Schutzgebende Dolmen @ Georges Scherrer

Dolmen und Menhire stehen für unterschiedliche Positionen im menschlichen Denken. Wozu die Dolmen benutzt wurden, dürfte angesichts der Resultate, welche die Forschung präsentiert, einigermassen klar sein. Sie fungierten wohl als Gräber. Es kann auch davon ausgegangen werden, dass diese künstlichen Steinkammern den Menschen von damals als wettergeschützte Versammlungsorte dienten. Lagen dort auch die Toten begraben, dann fanden diese Treffen gleichzeitig unter dem Schutz der Vorfahren statt.

Solches galt für die Menschen jener fernen Epoche nicht.

Kriecht der Mensch von heute in solche Steingebilde hinein, muss er den Kopf gehörig einziehen, sonst schlägt er sich diesen unweigerlich an dem künstlich aufgestellten Felsendach an. Solches galt für die Menschen jener fernen Epoche nicht. Er war von kleinerem Wuchs als wir heute und darum für das Begehen dieser steinernen Orte besser geeignet.

Schon wieder ein Interpretationsversuch steinzeitlicher Konstruktionen! Der Einwand soll gelten. Es wäre vermessen, die Bedeutung der Dolmen auf die genannten Funktionen zu reduzieren. Sich auf die beiden genannten Interpretationsansätze zu fixieren hiesse, eine undankbare Stellung im Argumentationsbereich einzunehmen und auch auf verlorenem Posten in einer Verteidigungsstrategie zu kämpfen beim Versuch darzulegen, wozu diese Dolmen wirklich taugten.

Wofür jedoch standen die Menhire? Bei der Beantwortung dieser Frage gehen die Meinungen deutlicher auseinander.

Heute ruht er, aus irgendeinem Grund umgestürzt, am Boden.

Wer sich zur Urzeit, die man heute mit Mesolithikum bezeichnet, also während der Mittelsteinzeit, dem heutigen Ort Carnac über den Meerweg von Süden her näherte, gewahrte auf seiner Fahrt zu seiner Rechten am Ufer auf einmal einen überaus mächtigen, weissen Menhir. Er ragte für die damalige Zeit und auch für heutige Dimensionen beeindruckend hoch über dem Boden auf. Gegen zwanzig Meter reckte er sich gen Himmel. Heute ruht er, aus irgendeinem Grund umgestürzt und in vier Teile zerbrochen, am Boden. Die Stätte, wo er an die Vergangenheit erinnert, schreibt sich jedoch nicht nur wegen des Steinkolosses in die Agenda historischen Kulturgutes und von Tourismusreisen ein.

Der gestürzte Riesenmenhir von Locmariaquer @ Georges SCherrer

Zusammen mit dem Grand Menhir, so sein heutiger Name, bilden zwei weitere beachtliche Elemente diese steinzeitliche Stätte und verleihen so dem Ort eine beachtliche Bedeutung. In unmittelbarer Nähe des Gestürzten liegen ein Cairn, der den Dolmen „Tables des marchands“ enthält, und den Tumulus „Er Grah“. Nachgewiesener Massen gehörten zur Stätte eine Grabanlage, bezeugt durch den heute noch bestehenden Dolmen.

Die Stätte bildete eine Einheit. Wer inmitten der Elemente steht, welche die Örtlichkeit ausgestalten und prägen, der fragt sich unweigerlich: Was stand zuerst an diesem Ort? Der Cairn, der Dolmen oder der aufgerichtete Stein, der Menhir?

Die Kälte des Todes @ Georges Scherrer

Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht, dass das Grab, der Dolmen, und der lang gestreckte Cairn gemeinsam mit dem Menhir eine geometrische Komposition bilden. Eine Komposition, wie sie in der europäischen Kunst immer wieder beobachtet werden kann und die dem menschlichen Empfinden auf eine bestimmte Art eigen ist. Diese Komposition lässt sich auf sehr einfache Weise beschreiben: Eine Vertikale und eine Horizontale stehen klar kontrastierend zueinander in einem Bild.

Diese Lage nimmt auch der Tote in seinem Grab ein.

Die Fische und die Muscheln, welche die Menschen an der Bucht von Quiberon nährten und deren Überleben sicherten – damals gab es keine Supermärkte, Grosskaufläden und Shoppingcenter, die das schnelle und spontane Einkaufen ermöglichten – und der Tod, der diesem Überleben ein Ende setzt, finden ihre Entsprechung und Übereinstimmung in der Horizontalen. Der Fisch steht nicht im Wasser, er schwimmt waagrechte durch sein Element. Diese Lage nimmt auch der Tote in seinem Grab ein. Das Leben und sein Gegenstück, der Tod, finden auf diese Weise eine überraschende Übereinstimmung in der geometrischen Form der Waagrechten.

Der in sein Format gebrachte Tod @ Georges Scherrer

Wie steht es aber nun mit der Vertikalen, in welcher der Grand Menhir kontrastierend zu Dolmen und Tumuli stand, als dieser Ort für die Menschen noch seine klare Bedeutung hatte? Eine Beziehung hatten die Wesen von damals zu dieser Stelle. Nur welche? Was war der Menhir den Menschen von ehedem? Wie wurde der Menhir genutzt? Wozu diente er? Ein weiterer Fragenkreis tut sich auf: Wie weit waren dazumal das menschliche Denken und Kombinationsvermögen entwickelt? Konnten die Erbauer des Grand Menhirs – um so ein Ding in die Senkrechte zu hieven, brauchte es ein erhebliches Know-how – bereits auf entsprechend gewaltige, gesellschaftliche oder – wie in der Literatur und in Reiseführern suggeriert wird– religiöse Strukturen zurückgreifen, die sie, lange bevor in Ägypten die Pyramiden entstanden, befähigten, solch kolossale Bauwerke zu erstellen?

Pyramiden in Ägypten @ Georges Scherrer

Eine Erklärung sei hier kühn gewagt: Carnac liefert eine bemerkenswerte Antwort. Ihr kann widersprochen werden. Gesicherte Informationen gibt es nicht, lediglich – wie meist zur frühen Menschheitsgeschichte – Interpretationen. Möglicherweise formt aber die folgende Deutung von Carnac, seiner Steinreihen, mehr als eine Interpretation.

Darum zurück zum Hinkelstein von Men-en-Hroeg, wie der bretonische Name des Grand Menhirs lautet, auf welchen wegen seiner Grösse der Blick als erstes fiel, wenn Menschen vor 6000 Jahren vom Süden her über das Meer der damaligen Stätte Carnac nahten. Möglicherweise bildeten andere Menhire als Wahrzeichen von Carnac einen noch bedeutenderen Augenfang als Men-en-Hroeg, Menhire, die heute verschwunden sind, weil sie abgetragen wurden oder wegen Landabsenkungen im Meer verschwanden und dort, mit Algen und allerlei Meeresgetier gedeckt, der menschlichen Wahrnehmung entschwunden sind.

Unterwasser Einsichten @ Georges Scherrer

Der Meeresboden vor Carnac dürfte einige Überraschungen bereithalten, etwa einen Einbaum, der für den Transport von Gütern diente, darunter dem Baumaterial für Dolmen. Oder war der Mensch von seiner Denkleistung her gesehen zu mehr fähig als dem Bau eines Einbaums? Etwa eines Flosses, das sich zum Transport von massigen, schweren Steinbrocken besser eignete als ein einfaches Schalenboot? Heute darf man die Fähigkeiten des damaligen Menschen nicht überschätzen, auch wenn er bereits Ungeheures leistete. Oder werden dessen Fähigkeiten unterschätzt?

Der Hinkelstein von Men-en-Hroeg stand für irgendetwas. Seine erste Bedeutung dürfte gewesen sein – und dies in einfache Worte gepackt: Hier haben Menschen einen gigantischen Steinbrocken aufgerichtet und aus eigener Kraft die Flachlage des Fisches und des Todes überwunden. Setzte der Urmensch sich und seiner eigenen Leistung stolz ein Denkmal? Sich selber als einem Wesen, das sich in die Senkrechte hob, aufrecht geht? Der Menhir also ein Zeichen erster schöpferischer Kraft, ein Kunstwerk, das nicht wie ein flach liegender Stein tot über dem Boden liegt, sondern dreist aus dem Boden ragt und Bewunderung auslöste?

Was der Mensch damals vollbrachte, ist mehr, als ein Tier zu leisten vermag.

Wird diese Überlegung weiter geknüpft, darf geschlossen werden, so ein kühner, nicht beweisbarer Gedanke von heute, dass der Urmensch den ersten Menhir aufrichtete, um das Zeichen des liegenden Steines, also des Todes und auch des Fisches, des damaligen Menschen einfachste Überlebensnahrung, zu parieren.

Der erste Menhir wird nicht von besonderer Grösse gewesen sein. Es wird sich um einen einfachen, länglichen, in seinen Längen und Seitenmassen leicht überdimensionierten Stein gehandelt haben, der jedoch durch seine Form auffiel und dazu anregte, ihn quasi auf die Beine zu stellen. Den riesigen Menhir mit dem heutigen Namen Men-en-Hroeg aufzurichten, bedeutete mehr Leistung als ein Grab mit einem Stein abzudecken. Was der Mensch damals mit dem Aufrichten dieser Säule vollbrachte, ist mehr, als ein Tier zu leisten vermag.

Ein gigantischer Einzelgänger @ Georges Scherrer

Kein Tier deckte zudem seinesgleichen, das stirbt, mit einem Stein oder richtet zu seinen Ehren einen Stein auf. Wir wissen heute nicht, inwieweit der Menschen vor 6000 Jahren im heutigen Sinn dachten, wie weit ihre Fähigkeiten, logisch zu überlegen, zu kombinieren, entwickelt waren, inwieweit sie Kunstverstand besassen, Berechnungen anstellte.

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