Mit der Banalität des Alltagsleben, die kleine Höhepunkte erreicht, beschäftigt sich der Roman Der Chor. Erhöhungen formen jene Hügel, die Stuttgart wie ein Hufeisen umgeben. Pferde gaben dem Ort den Namen. Die von Bergen umrahmte Niederung diente in alter Zeit als Gestüt. Auf drei Seiten umgeben bewaldete Höhenzüge die Stadt. Auf der vierten öffnet sich der Ort in Richtung eines Industriegebiets, in welchem Autos hergestellt werden. Im Rahmen des Romans von Anna Katharina Hahn ist vieles in Fahrt.

Höhepunkte strebt selbstverständlich auch der Chor an. Stimmlich soll dieser Spitzen und Tiefen erreichen. Der variationsreiche Gesang regt im Roman die Gaumen der Sängerinnen an und touchiert gehörig auch die gefühlsbestimmten Bedürfnisse der singenden Frauen. Schliesslich musiziert frau zusammen, um sich kennenzulernen, mit den Attitüden der Anderen vertraut zu werden und am gesellschaftlichen Klatsch teilzuhaben.

Höhepunkte liefert die Stadt ebenfalls geographisch. Hügelauf und hügelab führt die Chorsängerin, die als Protagonistin der Geschichte das Zusammenwirken des Chores zu verstehen sucht, den Leser in ihrem starken Wagen durch die Stadt. Sie fährt zwar nicht eine in der Stadt produzierte Karre, dies vermutlich als Zeichen der emanzipatorischen Distanz zum Ort. Das Fahrzeug bewältigt trotzdem die Steigungen und Gefälle Stuttgarts und trassiert auf diese Weise, der Topographie der süddeutschen Metropole folgend, das Gefühlsleben der fahrenden Frau. Ein Wurmfortsatz führt sogar ins ferne Paris; dies aber per Bahn.

Ich bin mit dem Buch in der Hand durch die Strassen der Stadt gezogen. Der Chor schliesst für mich als Leser das Röhren von Motoren mit ein. Der Ton verbindet als weiteren Höhepunkt die Stadt mit den beiden Autofabriken. In den Strassenschluchten der nach den Irrnissen des Zweiten Weltkrieges weitgehend neu aufgebauten Häuser echot das Krachen und Heulen der überdrehten Kolbenromantik und Auspuffchromatik grandios durch die Beton- und Glaslandschaft.

Solcherart erfüllt von den Klängen und Lauten habe ich überlegt, wo ich in diesem Ort der Höhepunkte das Buch zu Ende lesen soll. Zum Glück bietet die Stadt auch andere Zenite. Ich habe mich in einem Café niedergelassen, das an einer zentralen Stelle in der Stadtmitte liegt. Dort führte ich mir schliesslich den Schluss des Chores, quasi den Schlusschor, zu Gemüte. An der Theke drückte mit lautem Gezische die Maschine den Kaffee durch den Stahlzylinder. Ich las das Buch zu Ende und schloss es. Dann genehmigte ich mir den Doppio Macchiato.

Ein Kommentar zu “Der Schlusschor”