Vermarktungstechnisch existieren zwei Hesse-Häuser. Zum Glück gibt es ein weiteres. Dieses entzieht sich der Aufregung um den berühmten Autor. Dem Haus hat Hermann Hesse ein literarisches Denkmal gesetzt. Eins zu Eins liefert er in der kurzen Erzählung ‘Beschreibung einer Landschaft’ ein Abbild jener Umgebung, die ihm für einen kurzen Kuraufenthalt diente.

In zweierlei Hinsicht ist der Text bemerkenswert. Einerseits schrieb der Autor in einem Haus, über welches er in der Erzählung so gut wie nichts preisgibt. Die fehlende Beschreibung des herrschaftlichen Gebäudes animiert dazu, diesem beim Lesen des Textes vor Ort wenig Aufmerksamkeit zu schenken – als ob dies in der Absicht des Autors gelegen hätte. Die Anonymität soll gewährt bleiben.

Das Haus und der berühmte Gast sind jedoch Menschen in der Umgebung in Erinnerung geblieben. Im Volksmund heisst jenes prächtige Gebäude unweit des Sees nach wie vor das Hesse-Haus. In der Gegend zeigt man sich stolz darüber, dass der Nobelpreisträger dort weilte. Während seiner Kur in Marin-Epagnier, so der Name des Ortes, erhielt er die Nachricht, dass ihm die prestigeträchtige Auszeichnung mit Namen Nobel für sein Werk verliehen worden war. So viel zum Scharm des Hauses, das literarisch bis in die heutigen Zeit hinein wirkt.

Andererseits erlebe ich hautnah, wie Hesse über die anmutige Parktreppe in den Wald hinein schritt. Ihm lag daran, mit dem Stift festzuhalten, was ihn bewegte. Das sind nicht nur die Blätter an den Bäumen und die Wellen des nahen Sees. Es ist, als ob sich an dem Ort seit Hesses Abgang nichts geändert hätte. Kein Buch ist also besser geeignet, um mit einer Lektüre in der Hand auf den Spuren des illustren Autors zu schreiten und gleichzeitig zu lesen, was er beobachtend niederschrieb. Denn es handelt sich nicht um eine Phantasielandschaft, sondern um eine solche, die auch heute noch dazu dient, psychisch strapazierten Menschen beizustehen.

Der Wunsch der Eigentümer ist es, dass die Wandersleute, welche den Park durchqueren, nicht verweilen, sondern zügig voran schreiten und auf die Weise das Gelände seinem ursprüngliche Zwecke weiterhin Raum gewähren: Ruhe. So auch ich. Das Buch in der Hand. Wie ein Kranker, der misslich sieht, in meinem Fall aber vertieft ist in die Lektüre einer deskriptiv-literatischen Geschichte, stolpere ich ab und zu über eine Wurzel. Ich fasse mich und suche nach dem nächsten Satz, den ich, wegen des Stolperers, auf dem Papier aus den Augen verlor. Habe ich Glück, blieb das Buch auf der ursprünglichen Seite aufgeschlagen und der vermieste Satz findet sich leicht, so dass ich meinen Gang forsetzen kann. Hesse weist mir die Bilder, ich suche den Weg und jene Stellen, an welchen der genesende Schreiber damals wohl verweilte.

Ein Kommentar zu “Das dritte Hesse-Haus”