Der grosse Meaulnes lautete der Titel des Textes. Er ist bestens dazu geeignet, um ihn in der Sommerhitze zu lesen. Denn er spielt im Winter. Ein Jüngling stolpert über eine eingefrorene Landschaft, von Eiskugel zu Eiskugel, und bemüht sich so gut es geht, sich in der grossen Kälte vor den eiskalten Winden zu schützen und sich bei seinen Stürzen so wenig wie möglich die Knie aufzuschürfen.

Sitzend unter einem Sonnenschirm oder einem breiten Baum, den Schweiss von der Stirn wischend, lässt sich wunderbar darüber sinnen, wie man diesen verrückten Namen «Meaulnes» ausspricht. Darüber nachzudenken, ist der richtige Weg. Denn um in die Wohnung hinein zu gehen und nach einem Wörterbuch oder elektronischen Gerät zu greifen, das Aussprachhilfe leistet, ist es viel zu heiss.

Über die Brücke «beau» – französisch für schön – lässt sich erschliessen, dass sich die drei Vokale zu einem «o» verdichten. Also dürfte das seltsame Wort als Molnes auszusprechen sein, wenn sich in dem Wort nicht die befremdende Konstruktion «lnes» befände. Auch in diesem Fall leistet eine Brücke Abhilfe. Es handelt sich dabei um die Erle, französisch «aulne» genannt. Den Baum belegt man phonetisch mit dem Konstrukt «Oln» .

Bei solchen geistigen Sommerübungen fliesst der Schweiss nicht nur wegen der Hitze über die Stirn. Denken fordert die Hirnkräfte heraus. Doch das Rätsel um den merkwürdigen Namen ist noch nicht vollständig gelöst. Die Situation des «s» hängt in der Schwebe. Der Roman spielt in der tiefsten französische Provinz. Im Plural bleibt dieser Anhängsel im dortigen Massive Central unausgesprochen. Tribut sei heute aufgrund des Wetters dieser Region gezahlt und der angeführte Buchstabe der Stummheit zugeführt. Der Name spricht sich also als Molne aus.

Nach so viel Denkarbeit bedurfte ich einer Pause. Um das literarische Glanzstück aus dem 20. Jahrhundert fertig zu lesen, habe ich mich nicht unter eine Brücke nach Zentralfrankreich begeben, wo kein Eis liegt und aktuell ebenfalls eine Hitzeglocke über der Gegend hängt. Vielmehr suchte ich mir in unserer Pflaster- und Quaderstein bewehrten Altstadt ein kühles, schattiges Plätzchen im Schatten einer dicken Steinmauer, wo ich das Buch wegen seiner herzerwärmenden Kühle, einen Kaffee vor mir und daneben eine Eiskugel, fertig las.
