Wo liest sich der Erlkönig fertig? Das Gedicht ist an keine feste Region gebunden. Anlässlich der Planung einer Kulturreise nach Le Pont, gelegen zwischen zwei Seen -Interlaken – , kam mir in den Sinn, den Ort mit dem Poem zu verbinden. Ich hatte keine Vorstellung von der Gegend, die mich erwartete. Aber als Naturereignis taugte die Stelle hoch oben im Waadtländer Jura, fernab von jedem menschengezeichneten Gefilde, sicherlich und konnte durchaus als Austragungsort für die berühmte Geschichte über den Vater und sein Kind in Erwägung gezogen werden.

An einem regnerischen Tag zwischen Frost und Tauwetter bin ich hinauf gereist. Natürlich ist der Ort mehrheitlich tiefe Nacht, was einen hoch dotierten Kulturbetrieb betrifft. Die Weiden, die sich dem einen See, um genau zu sein, dem Lac de Brenet, entlang ziehen, formen die richtige Unterlage für das galoppierende Pferd, das den besorgten Vater mit dem Kind im Arm trägt. Die Bäume am Ufer stehen für die alten Weiden. Das Ufer säumen grosse Flächen aus Schilf. Dieses, wenn der Wind die widerstandsfähigen Halme hin und her bewegt und sie, gleichsam tanzend wie Mädchen, ihren ewigen Reigen hinlegen, taugen als Werkzeug, mit welchem der Tod dem kranken Knaben winkt.

Am diesem grauen, trüben Tag küsst der Nebel die Seen. Der zweite See heisst Lac de Joux. Wie der Wind weht und den Reigen der Weiden und den Wald aus Schilf parallel zu den Wellenbergen auf Brenet und Joux zu einem vielfältigen, gemeinsamen Ballett angeregt, so eilt das Gedicht mit seinem Reiter, der gegen den Tod anrtitt, durch die Landschaft, die dem Knaben keine Rettung verspricht. Kalt fährt der Wind über die Wangen und entzieht dem Körper unerbittlich seine Kraft. Der schönen Gestalt des Knaben erliegt der Tod gnadenlos. Wie eisiges Wasser dringt er unbarmherzig in den Leib des Buben. Als ob er der beissende Wind wäre, der an den Wangen nagt und unter die Haut fährt, frisst sich der Gevatter in den Adern des Kindes hinein. Da mag das Pferd noch so schnell rennen, der Vater dieses noch so sehr jagen, die Weiden bei ihrem Namen anrufen: Gegen das Gedicht kommt der Wille des entsetzten Mannes nicht an.

Die Landschaft ist voller Poesie. Erlen, Weiden, Fichten, Schilf und über dem Boden aufragende und über diesen schleichende Gräser erzählen ganze Geschichten. Der Wind gibt die Musik dazu und die Wellen den Rhythmus. Und gibt erst noch ein Gedicht den Takt an, dann fehlt nichts mehr zum grossen Wurf. Wer nach Le Pont fährt, benötigt keinen Mozart oder Picasso, um grosse Kultur zu erleben.
