Der Wert der Sprache

Das höchste eidgenössische Gericht – in Lausanne platziert – schränkt den Gebrauch des Wortes Milch ein. Seltsam. Wie ich diese Info in den Medien las, stieg augenblicklich Paul Celans Todesfuge in meiner Erinnerung auf. Er schrieb dieses Gedicht unter dem Eindruck der Schrecken des Zweiten Weltkrieges. Die Machthaber des Nazireiches verbannten Wörter, die ihnen nicht passten, aus der deutschen Sprache und kreierten eigene, reine Ausdrücke. Diese Zeiten sind vorbei.

Seltsam ist mir trotzdem, dass dieses Gedicht so plötzlich in mein Bewusstsein drang. Das hat vermutlich mit Celans schwarzer Milch zu tun. Milch ist nicht schwarz. So ist zu fragen, ob dieses Gedicht verboten werden soll. Denn der Ausdruck Schwarze Milch schadet der Schweizer Milchwirtschaft. Anmerkung: Beim Corpus Delicti handelt es sich um ein Produkt aus Hafer, das als veganer Milchersatz dient und mit dem humoristischen Spruch «Shhh… This ist not molk» angepriesen wird.

Die Richter beschieden: Milch ist das „durch Melken gewonnene Erzeugnis aus der Eutersekretion von Tieren der Gattung der Säugetiere». Löwenzahn und Schwalbenwurz haben kein Euter. Dennoch wird Milch aus diesen Pflanzen gepresst. Muttermilch wird durch das Melken der Euter von Frauen gewonnen, will man der orthodoxen Argumentation der Richterschaft Glauben schenken.

Das Wort Milch ist nicht Privateigentum der Wirtschaft. Der Ausdruck wird schon seit Jahrhunderten verwendet. 60 Jahre nach dem Tod von Arthur Conan Doyle wechselte der Name Sherlock Holmes in den Bereich des Allgemeingutes und darf nun in Texten und Comics ohne die Zustimmung des Urhebers verwendet werden. Ps: Weder beim Gericht noch an anderer Stelle habe ich nachgefragt, ob ich das Wort Milch in diesem Text benutzen darf.

Die Richter wollen die Sprache regeln und vorgeben, wie der Mensch Worte benutzen muss. Angesichts dieser staatlich verordneten Sprachhygiene habe ich mich selbstverständlich gefragt, wo ich die Todesfuge fertig lesen soll. Mir fiel nichts Besseres ein, als den Kühlschrank zu öffnen, meinen Kopf hinein zu stecken und den letzten Vers ‘dein aschenes Haar Sulamith’ in dieser kalten Umgebung laut zu deklamieren, um eine kühlen Kopf zu bewahren in einer Gesellschaft, in der Verbote immer mehr Raum einnehmen – kühlen Kopf auch, damit ich nicht aus Versehen Sonnenmilch in meinen Kaffee kippe.

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