Ivan Petunin brachte sich wegen Putin um. Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow wollte ein Gleiches wegen einer Leberwurst tun. Doch das makabre Theaterstück von Nikolai Robertowitsch Erdman, geschrieben zur Sowjetzeit, lässt einen anderen Schluss zu und hat dennoch nichts an Aktualität eingebüsst. Frankreichs Nationales Volkstheater bot kürzlich eine Inszenierung des Stücks und führte Erdmann und Petunin zusammen. Ivan Petunin stürzte sich von einem Balkon. Allenthalben fallen im heutigen Russland Menschen von Balkonen und sind dann tot. Manche dieser Toten haben möglicherweise ein Testament hinterlassen, wie Ivan Petunin es tat. Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow soll ein Gleiches tun. Doch ihm geht es nur um die Wurst.

Er will nichts von hehren Zielen wissen. Der Rotschöpfige in Weissen Haus, der Stirnglatzige im Kreml, der Dickschnäuzige in Ozeanien, der Krawattierte vom Saray, der Träger der blauen Krawatte in der Knesset, der krawattenlose Bartträger im Gazagrab sind ihm einerlei. Deren Namen will er gar nicht kennen. Stellvertretend für diese steht die Leberwurst, ein ausserhalb von Russland von vielen Leuten wenig geliebtes Fleischprodukt.

Die Wurst treibt Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow zur Weissglut und zu unüberlegten Worten: Er will sich umbringen. Seinen Tod wollen sich andere zu Nutze machen. Sie bestehen darauf, dass Podsekalnikow, bevor er sich umbringt, seinen Tod einem Ideal widmet, indem er die fatale Handlung in einen tieferen, gesellschaftlichen Zusammenhang setzt und somit sein selbst gewählter Hinschied einer gerechten Sache dient. Der Metzger fordert den Tribut für die Wurst. Podsekalnikow soll in seinen Abschiedsworten als Grund für seinen Tod die schlechten marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen angeben.

Von Podsekalnikow als Toter fordert die russische Intelligenzija nichts anderes als Zivilcourage. Schon in den Breitengraden, wo dieser Text gelesen wird, ist diese Courage nicht jedermanns Sache. An vielen Orten in dieser Welt ist solcher Mut für Menschen noch weniger wert, weil sie direkt in Gewehrläufe schauten, würden sie ein Wort zu viel wagen. Anders als Semjon hinterfragte Ivan Petunin den Wert des Lebens. Der Rapper warf sich von einem Balkon in den Tod.

Für sein Theaterstück zahlte Nikolai Robertowitsch Erdman als Zoll den Bann. Das kostete dem Autor seine Karriere und der Kunst ein weiteres ausgezeichnetes Theaterstück aus der Feder des Russen. Dieser ist nicht der einzige Mensch, dem aufgrund eines politischen Machtgerangels viel Leid angetan wurde. Millionen werden beobachtet, ausspioniert, gedemütigt, verfolgt, verdammt, verfemt, verbannt, gefoltert, deportiert, ermordet, umgesiedelt, entführt, verjagt. Ivan Petunin wollte sich nicht in eine dieser Kategorien pressen lassen und wählte darum nicht den Freitod, sondern den Selbstmord. Aus diesem Grund las ich den Selbstmörder von Nikolai Robertowitsch Erdman vor meinem Computerbildschirm fertig und schaute mir dabei das letzte Video von Ivan Petunin an.