Platons Höhlenvisions Sicht auf den Hund

Mein Hund und ich formen ein angespanntes Paar, wenn wir unterwegs sind. Angespannt? Ja aber nicht, weil wir, als bildeten wir gemeinsam eine Kalesche, wie Ross und Wagen aneinander gebunden sind. Auch nicht weil der Hund mich an langer Leine hinter sich her führt. Wir sind auch keine Spanner, die hinter Büschen nach anderen Hunden gucken, er, oder auf der Strasse verhohlen Leuten nachstreifen, ich. Nein, gespannt ist ein Stück Stoff. Ein Schal. Ein bunter Schal, manchmal auch ein grauer.

Oskar Pazzias Text ‘Aus dem Tagebuch eines Hundes’ schildert das Sein des Tieres aus dessen viehischen Perspektive. Der Hund zeichnet vom Wesen, das er vor sich sieht, eine merkwürdiges Bild. Die Handlungen des Meisters wirken seltsam, bizarr. Die beäugte Spezies zieht , bevor sie unter die Dusche steigt, ihr Fell ab. Kleider stellen eine besondere Herausforderung für den hündischen Betrachter dar. An den herum stehenden Schuhen interessiert der Hund die eigentümliche Geruchsemmission. Der Lebensraum des Menschen wirkt auf das Tier befremdlich. Es assoziiert mit dem Wesen, das es begleitet, Bilder, die ihm unverständlich sind. Die Welt der Menschen bleibt schwer fassbar. Deren Leben umfasst ein schrulliges Sammelsurium an Gepflogenheiten. Diese Widersprechen den Gewohnheiten des Tieres. Verwirrend wird es erst recht, wenn der Hund seinen eigenen Wortschatz verwendet. Worte erhalten andere Bedeutungen. Aus einem Bett mit Laken wird gleich ein weisses Haus. Welchen Worten ist zu trauen?

Platons Höhlengleichnis holt mich ein, wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin. Während ich mich vorwärts bewege, den Hund neben mir, sehe ich meine Schuhspitzen nach vorne schnellen. Zu ihren Seiten wippen ein paar Ohren. Ihnen voraus eine Schnauze. Diese geht nach allen Richtungen. Sie gehört meinem Hund. Menschen kreuzen uns. Teils lächeln sie, teils schauen sie uns erstaunt an. Das hat seine Bewandtnis. Vom Hund sehe ich nur einen Teil; ganz als sässe ich in Platons Höhle und sähe auf die Wand vor mir, die vom Schein eines Feuers hinter mir beleuchtet wird. Auf der Wand nehme ich die gesunde Seite des Hundes wahr, also sein Vorderteil. Kraftvoll schreitet Elja aus. So lautet ihr Name. Der Hund ist eine Dame. Die Pfoten und Zehen sind wunderbar manikürt. Wenn Elja ihre Schnauze hebt, um mich anzugucken, sehe ich ihre wundervollen, schwarzen Augen. Sie wirft mir nur einen kurzen Blick zu. Denn sie hat es eilig, sie schreitet zielstrebig voran. Sie hat immer ein Ziel. Der Hund ist guter Dinge. Ich sehe die volle Schönheit des Tieres. Ich bin heiter. Wir schreiten weiter.

An meiner Hand hängt eine Last. Ich lasse mich blenden, wenn ich spaziere und den Hund zu meiner Seite betrachte. Als ob ich in Platons Höhle sässe und vor mir die Wand hätte, auf welche die von mir wahrgenommene Wirklichkeit projiziert wird! Die Leute, die mich kreuzen, sehen die andere Wirklichkeit. Was sie vom Hund und mir denken, wenn sie sich hinter uns befinden, weiss ich nicht. Ich sehe den vorderen Teil des kräftigen Hundes, den es weiterhin neugierig in die Welt hinaus zieht. Die hintere Partie hinterzieht sich meiner Sicht und ich bemerke nicht, das er lahmt. Welche schöne Scheinwelt, du schöne Selbsttäuschung: Neben mir trottet ein gesunder Hund, an welchem viele Menschen nach wie vor grosse Freude haben.

Im Höhlengleichnis schaut der Mensch nicht hinter sich. Vielmehr konzentriert er sich auf das, was sich vor seinen Augen auf der Wand präsentiert. Die Wirklichkeit spielt sich hinter dem Menschen ab. Ein Feuer projiziert ein Bild von ihr auf die Höhlenwand, die der Mensch vor sich hat. In dieser Situation befinde ich mich mit Elja. Hinter mir läuft, leider, wenn ich ausgehe, die Wirklichkeit mit. Ich brauche mich nur zu wenden. Dann sehe ich, in welchem Zustand der Hund wahrlich ist. Er leidet an einer degenerativen neurologischen Dysfunktion. Seine Hinterbeine haben keine Kraft mehr. Er schleppt sie hinter sich her. Sie schweben über den Boden, wenn ich Eljas hintern Teil mit meinen Schal hochhebe, so dass der Hund, trotz seiner Beeinträchtigung, spazieren gehen kann. Mit den Vorderpfoten schreitet Elja kräftig voran.

Aus meinen Spaziergängen mit dem Hund habe ich folgende Erkenntnis gezogen: Der Mensch wurde mit Augen geschaffen, die nach vorn gerichtet sind. So sieht er den Ballast nicht, den er hinter sich her schleppt: Seine ganze Vergangenheit, welche die Zukunft belastet, auf welche er zugeht und die auf das Ende zu führt. Um Panizzas Buch über den Hund fertig zu lesen, der den Menschen ausgesetzt war, aber die Ansicht vertrat, er wolle diesen studieren, habe ich keinen geeigneteren Ort gefunden, als die Höhlen des Mont Vully. Dorthin habe ich mich mit Elja begeben und der Wirklichkeit gestellt, die der Hund mir klar vor Augen führte, als er, sich mühsam schleppend, aber willensstark, drinnen im Felsgemäuer die eigene Innenansicht erkundete und mir meine Verblendung wie Schuppen von den Augen entfernte.

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