Euridices formvollendetes Haar

Am besten nachts passt es, durch Georges Rodenbachs Roman Brügge-die-Tote zu streifen. Die Stadt wirkt alt und geeignet, um das Trauer-Delirium von Hugues Viane würdig aufzunehmen. Dann hängen wie Tränen die langen Äste der Trauerweiden kaum sichtbar über dem Wasser, das die Kanäle füllt, welche die Stadt durchfliessen. Zu jener Tageszeit ist die Stadt wirklich tot – auch heute. Sie wirkt als sei sie um Jahrhunderte zurückversetzt, zurückgesunken in die stumpfe Atmosphäre, die der trauernde Wittwer benötigte, um mit sich selber fertig zu werden.

Tags bemächtigt sich aktuell eine hohe Dunkelziffer an Touristen der Stadt. Durch die Strassen wandeln Frauen, die jenes prächtige Haar tragen, das Hugues verstorbene Diva besass. Auch zu jener Zeit, in der Rodenbach seinen Roman ansiedelte, strichen Nymphen durch den damals verarmten, an sich selber gealterten Ort. Junge Frauen hoben sich erfrischend ab von den alten Häusern und Mauern. Im vollen Haar einer solchen Dame blieb Hugues Blick hängen, verfing sich hoffnungsvoll in die Gestalt, welche die Haarpracht trug. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike lebte mächtig auf. Freude klang an, wie der Trauernde einen Lichtblick in seinem ausweglosen Sein entdeckte.

Beim Gang durch die Stadt setzt sich mein Blick, wenn ich ihn in einer Gehpause von den Blättern des Buches oder den Fassaden der Sehenswürdigkeiten löse, am Haar der Touristinnen fest. Die Frisuren spielen im Strassenwind. Das Auge misst die Länge der Strähnen und prüft ob sie so stark sind wie Seidenfäden und damit befähigt, einen Menschen zu erdrosseln. Thanatos gesellt sich zu Eros und schliesst sich dem wandelnden Spaziergänger an. Ich schaue links und rechts, gucke, welche der Frauen ich als Vergleich für Hugues Liebe heranziehen kann.

Die Vielzahl der Frauen verlängert mein Schaulaufen durch die Strassen. So lässt sich für den heute Suchenden nachvollziehen, wie der Protagonist des Buchs, der nichts suchte, sich durch den Ort schleppte, den Kanälen entlang strich, bei den Schwänen verweilte und aus ihrem unruhigen Tun eine klare Botschaft für sich herauszulesen bemühte, auf einmal auf seine Frau stiess, die als Tote unter den Lebenden dahin schritt.

Tag und Nacht vereinen sich in der Geschichte. Die Haare ziehen mich durch die Stadt, lassen mich die verschiedenen Kanäle entdecken, denen Hugues in seiner Trübsal huldigte, in die er zusehends enttäuscht sank. Seiner Lust, seinem Frust liesse er schliesslich freien Lauf, so dass der Ort ihm wirklich zur toten Stadt wurde. Brügges prunkvolle Türme hoben sich schon damals aus dem Häusermeer heraus, gaben dem Trauernden aber keinen Halt in seiner Trance und Tristesse. Das Locken der Kanäle erwies sich als zu stark und die Weiden über dem Wasser verwiesen ihn immer von neuen auf das lange Haar, das er hegte und pflegte und dessen Locken ihm schliesslich zum Verhängnis wurden.

Warum in dieser Geschichte über Eurydike, Orpheus, Eros und Thanatos verweilen? Eine moderne, neue Stadt ist nie die Nacherzählung einer alten Stadt. Darum soll an dieser Stelle der Roman Rodenbachs nicht nacherzählt, noch sollen Worte darüber verloren werden, welchen Weg Hugues Viane in seiner Trauer ging. Ich habe das Buch an einem Quai fertig gelesen und das Ende dem davon fliessenden Wasser mitgegeben. Der Schluss der Geschichte bleibt somit allen verschlossen, die nicht hingehen, das Buch in die Hand nehmen und es selber fertig lesen.

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