Als Einstieg für einen Besuch der Stadt Brügge, wie sie einst hätte sein können, taugt das Familiendrama, das in der ehemaligen Handelsstadt spielt. Volker Himmelseher hat es verfasst und in die Renaissance Zeit versetzt. Der Titel des Textes lautet: Liebe, Leid und Hass. In diesem Werk schildert der Autor unter anderem ausführlich die Ritterspiele, die als Teil der prunkvollen Feierlichkeiten von Karl dem Kühnen auf dem Marktplatz des Ortes durchgeführt wurden. Anlass war die Eheschliessung mit Margareta von York. An der Feier trugen die verschiedenen Volksschichten ganz unterschiedliche, festliche Gewänder. Die beschriebene Farbenvielfalt entsprach dem Klangfarbenfest, zu dem heute die Touristen aufspielen, wenn sie durch die Strassen der Stadt streifen.

Mit dem Buch in der Hand durch das moderne Brügge zu streichen, ermöglicht den Einblick in jene Zeit. Noch heute zeugen viele Fassaden alter Herrenhäuser vom Reichtum des Ortes im 15. Jahrhundert. Die zeitliche Rückbesinnung wird zudem durch etliche Standbilder gefördert, welche zu Ehren der Berühmtheiten von damals aufgestellt wurden. Die Regentschaft von Philipp dem Schönen brachte der Stadt Reichtum. Seines Sohns Regierungszeit, Karl der Kühne, gereichte dem Ort zur Blüte.

Nichts Geringeres verdankt jedoch die Schweizer Stadt Freiburg dem kühnen Karl als den Murtenlauf. Nach wie vor steigen jedes Jahr Tausende von Läuferinnen und Läufer in ihre Sportschuhe und bewältigen die Strecke nicht nur in sportlichem Ehrgeiz. Denn weit über die Ringmauer der mittelalterlichen Stadt Brügge hinaus weist das Grabmal, das die Bürgerinnen und Bürger von Brügge ihrem illustren, aber auch letzten erfolgreichen Herrscher in der heimatlichen Liebfrauenkirche setzten. Sein Tod verbindet ihn mit der Schweiz, wo er Gut und Mut verlor. Das Blut liess er in Nancy zurück. Das Grab liegt in Bruges.

Von der Verbindung der Stadt Freiburg zu Brügge zeugt heute ein Denkmal aus rotem Stahl und grauem Beton. Der Legende nach trug ein Läufer die Siegesnachricht von der Schlacht von Murten in die Zähringerstadt. Er führte als Frohbotschaft einen Lindenzweig mit. Dieser wurde im Stadtzentrum gepflanzt und wuchs zu einem stattlichen Baum heran. Die Jahrhunderte machten ihm jedoch den Gar aus. Jetzt erinnert das rot-graue Kunstwerk an den blutigen Schlachterfolg gegen die Burgunderherren aus Brügge.

Die Herren von anno dazumal waren nicht zimperlich, wenn es darum ging, ihre Macht zu erhalten. Mittelalterlich anschaulich endet Himmelsehers Roman darum mit Blut und Sperma am Fuss eines Galgens, aber auch mit Blut und Sperma als Ausdruck einer Liebesbeziehung, die sich verwirklicht. Der Endpunkt des Buches führt auf diese Weise verschiedene Aspekte des damaligen Gesellschaftslebens zusammen, welche die aktuellen Besucher der Stadt kaum vor Augen haben, wenn sie aufmerksam dem anmutigen Glockenspiel, das vom mächtigen Belfried herab klingt, zuhören, während ich das Buch, befriedigt von der Lektüre, zuklappe.
