Vor 150 Jahren gab’s die Bahn nach Davos bereits. Heute reist man schneller auf der gleichen Strecke für einen Tagesausflug und ohne Heilsbedürfnisse zum Bergort hinauf. Da sitze ich nun auf der literarisch bedeutsamen Terrasse und geniesse den Ausblick auf die Berge mir gegenüber und hinab ins Tal. Ich stelle mir vor, wie von hier aus damals die Leichen nachts, damit man sie nicht sah, über die Schlittenbahn hinab befördert wurden, weil da oben über Erwarten viel gestorben wurde. Der Zauberberg ist heute nicht mehr ein Treffpunkt der Schickeria, sondern ein Ort, der wie viele andere Bergdestinationen vom Touristenstrom überflutet wird.

Die Freundlichkeit steht heute dem Kommerz und der Belanglosigkeit der Gäste im Wege, wenn ein Kellner vorbei hastet, um nach der nächsten Kaffeetasse zu greifen, die auf dem benachbarten Tisch liegt. Meine Geduld ist an einen Prüfstein gebunden. Die Bedienung fegt an mir vorbei, als ob das Haus voll wäre. Ich muss warten. Mit jedem Gang des Kellners an mir vorbei, sinkt die Lust nach einem teuren Menü. Ich konzentriere mich letztlich auf einen Salat, der auf der Menükarte eingetragen ist. Der wird vermutlich gebracht werden, bevor die letzte Bahn ins Tal fährt – sofern ich ihn bestellen darf.

Heute beherbergt das Hotel auf der Schatzalp nicht mehr als Sanatorium lungenkranke Menschen, die sich von ihrer Krankheit heilen wollen, sondern Touristen, die es überall auf der Welt eilig haben. Während sich oben am Himmel gemächlich neue Wolkenformationen bilden, harrt mein Salat darauf, mir aufgetischt zu werden, denn ich konnte ihn noch nicht ordern. Jetzt setzt hier oben bald Regen ein. Um meine Bestellung aufzugeben, kann ich mich an niemanden wenden. Weit und breit ist kein Kellner auszumachen. Sie sind unerreichbar wie, durch ein tiefes Tal von mir getrennt, die Berge, welche gegenüber liegen. Ich habe mich erhoben und in den Wind hinaus begeben. Der Salat wurde in alle Winde geweht. Literatur ist Schaum wie der Zauberberg kein Zauber.

Zweiter Versuch: Ich habe mich vermutlich, in der Sonne badend und vom grandiosen Ausblick geblendet, versehentlich nicht in den als geöffnet gekennzeichneten Teil der Terrasse gesetzt. Dies bestrafte die Belegschaft kalt und pflichtbewusst mit Schweigen. Am anderen Ende der Säulenveranda sitzen Leute. Dorthin wechsle ich. Der Salat wird nun geliefert. Er schmeckt vorzüglich. Er ist mit Kräutern versehen, die vermutlich von hier oben stammen, Bergkräutern also. Stimmt! Als ich auf das Hotel zuschritt, entdeckte ich einen Angestellten, der in einem Schrebergarten – als Küchengarten gekennzeichnet – mit einer Schere herum ging und Grünes schnitt. Ich gehe davon aus, dass diese Kräuter nun auf meinem Teller gelandet sind – ganz frisch. Am Nebentisch raucht eine Frau, was das Zeug hält, die, so sieht es aus, nicht hergekommen ist, um sich von Tuberkulose zu heilen.

Norman Ohler rollt 150 Jahre nach der Geburt des berühmten deutschen Literaturnobelpreisträgers im Roman ‘Der Zauberberg, die ganze Geschichte’ die Entwicklung des Ortes Davos auf. Ohler setzt beim Verkauf der Dorfjugend an, von der ein Teil als Sklaven nach Deutschland befördert wurde. Er beleuchtet anschliessend das Werden des Orte bis in die heutige Zeit. Fremde Geister haben das Dorf gross gemacht. Ich blättere im Buch und blicke auf. Umgeben von einer wenig berührten Natur sehe ich hinab auf die Betonwüste Davos unten im Tal. Die Lokalität schillert nicht als Perle der Alpenwelt zu mir herauf. Im Dorf findet sich nix von Thomas Mann. Dieser stimmte in seinem Roman, der vor Ort spielt, keine Lobeshymne auf die Örtlichkeit an. Diese setzte darum dem Weltliteraten kein Denkmal. Das Lob auf den Schriftsteller wird mit Schweigen bedacht.

Ich beende die Lektüre des Buchs von Norman Ohler und schaue hinüber zum Jakobshorn, in dessen Hang ein fürchterlicher, roter Kubus steht. Thomas Mann hätte das Ding, das wie eine Faust ins Auge springt, mit Sicherheit in seinem Roman als Ausbund architektonischer Fehlinterpretation der Alpenwelt verewigt. Vor 150 Jahren gab es diese rote Schwebebahnstation jedoch nicht. Sie hätte zu stark an das Blut erinnert, dass die lungenkranken Patienten ausspuckten. Das Bild mir gegenüber würde, statt den Blick zurück, visionär voraus zu nichten, anschaulicher, wenn in den Hängen, neben dem Kubus, auch ein paar Windkrafträder ständen. Das wäre heute zeitgemäss und würde ein Zeichen dafür sein, dass es mit Davos weiter vorwärts geht und der Ort nicht im Betonzeitalter stecken geblieben ist, sondern in die Zukunft aufschliesst.
