Fjodor Michailowitsch Dostojewski schrieb seinen Spieler mit viel Verzweiflungs-Schweiss an den Fingern, Isabelle Lehn ihre Spielerin mit viel leckerem Speichel im Mund. Er hörte auf Begriffe wie Mise und Les jeux sont faits, sie auf Hedgefonds, Derivat und ETC, einem Vabanquespiel auf höchstem Niveau in der Casinowelt der Hochfinanz. Er spielte in Wiesbaden, sie in Zürich. Dostojewski eignete sich Fachbegriffe an, die jeder Spieler kennen muss, und im Selbstlehrgang die Atmosphäre, in der ein Spieler aufgeht. Sie diente sich in einem Finanzinstitut hoch. Wie der Spieler wegen der Grosstante endete, ist bekannt; wie die Spielerin endete, nicht. Sie ist mit viel Geld abgetaucht, genau jenem Geld, das den Spieler in den Ruin trieb. Er spielte in Casinos, sie in Banken.

Die Spielerin bewegt sich in einem Umfeld, dass den Stoff für Kriminalromane liefert. Der von Lehn gebotene Realokrimi führt mich in die Vorhallen einer Banken. Dort lese ich die Spielerin fertig, damit sie in die Serie Endlektüre passt. Das ist nicht der einzige Grund für die Wahl. Dostojewski hatte viele Mensch um sich, als er alles verspielte. In einer Bank verliert sich das Geld anonym. Die Wände leuchten nicht im Glanz der Geldspielautomaten und Lichtspektakel. Der Eingang eines Geldinstituts strahlt Nüchternheit aus. Im Bankeingang sind Wände kahl-neutral, der Schmuck karg zurückhaltend, nicht wertend, abgesehen von einigen Kunstwerken, welche den Reichtum der Bank unterstreichen – oder nicht.

Geld ist Ordnung. An dieser Ordnung gilt es nicht zu rütteln. Geld ist Unterwerfung. Dieser liefert sich A. im Geldhandel aus. Die Regeln bestehen aus Kleidern, Alkohol und karriereorientierter Zweckerotik. Grenzen dürfen nicht überschritten werden. Sonst heisst es knallhart wie im Roulette: Das Spiel ist gemacht. Dostojewski machte diese Erfahrung. A. stahl sich listig davon, liess nicht das Geld auf dem Tisch liegen, sondern steckte es aufgrund ihres Fachwissens dorthin, wo niemand es fand. Die Gerechtigkeit geht zuweilen merkwürdige Wege.

Unter dem Dach des Romans Die Spielerin spriesst ein Finanz-Flechtwerk, das Aufstieg und Fall im gleichen Atemzug nennt. Das Geflecht gibt das Finanzgebaren wieder, in welchem A. gross werden will. Heimtücke und Neid geben sich in der vielschichtigen, pekuniären Einrichtung die Hand. Ich bin im Buch wie durch ein Haus gestiegen, ich welchem jedes Zimmer mir neue Geheimnisse offenbarte. Ich las mich mit grossem Vergnügen durch den Roman, der mir wie das Fachwerk eines Geldhauses anmutete, und war traurig, als ich das Buch auf meiner Bankbank schliesslich musste, weil ich das letzte Wort, ohne dass ich in die oberen Stockwerke stieg, gelesen hatte: «Gelassenheit».
