Weissagung der Symbole



Zerschlagene Gesichter, zerstörte Wappen, verblassende Farben, zerfallende Reliefs, angeknabberte Holzleisten, erlöschende Embleme, schwindende Aussagen und noch mehr findet sich auf jenen Zeichen und Signalen, die allenthalben allerorts Hausmauern, Eingänge und Strassen zieren: Verwischte Umrisse, abgewetzte Kanten, stumpfe Ecken – Eisen hält dagegen länger: Ein Ring prangt schwarz am Fuss einer Treppe, über welche ein Mann rennt, von welchen jedoch nur die Beine und ein Schuh im Bildelement zu erkennen sind – und prompt fällt die Gestalt – Kunststück in der Welt der obskuren Kennzeichen – in die Fänge einer Geheimgesellschaft. Der Plot nimmt seinen Lauf, ich nehme einen anderen Weg.

Ich angle mich in den Panels des vor mir liegenden Comics von Symbol zu Symbol. Die Geschichte ist in Text und Bildern erzählt. Ich versuche ihr einen anderen Verlauf zu geben, als die Worte vorgeben, bis ich schliesslich in einer Sackgasse lande. Dort geht es nicht mehr weiter. Darum muss ich zurück auf den Text. Der Autor des Werks heisst Hugo Pratt, der Protagonist der Geschichte Corto Maltese. Er eilt über die Seiten und durch die Bildspalten. Was er sieht, leitet ihn – darunter auch die Symbole, die mich herausfordern.

Die Klarheit dieser Zeichen, die auf Wänden und Türen und unter Giebeln prangen, ist oftmals nur Eingeweihten zugänglich und lässt darum zuweilen zu wünschen übrig. Durch Städte zu wandern und nach den geheimen Identifikationsbildern und pikturalen Infiltrationselementen auszuschauen, bereitet einen besonderen Genuss. Die Suche und – wurde man fündig – die Deutung der Symbole regen die Phantasie an. Sich durch das Buch hindurchblättern auf der Suche nach bildlichen Hinweisen, welche die erzählte Geschichte leiten, ist ebenfalls eine andere Sache, als sich in der Unüberschaubarkeit einer Grossstadt anhand von Strassenkarten zu orientieren.

Die Städte sind voller merkwürdiger Fingerzeige, die heute vielen Menschen nichts mehr sagen, sofern sie nicht für das Grün- oder Rotlicht einer Ampel oder für ein Rotlichtviertel stehen. Viele alte Bildelemente, anders als jene in Pratts Comic, sind ohne Zusammenhang mit der heutigen Welt. Die Zeichen interessieren dennoch. Sie werden eifrig von Touristen fotografiert, etwa in Venedig, wo Corto im Comic Venezianische Legende einem Smaragd nachjagt. Diese Zeichen eignen sich wunderbar zur bildhaften Ausstaffierung von Verschwörungstheorien und für die Interpretation von rätselhaftem Geschehen. Ein Autor, der eine Mordsgeschichte schreiben will, kann die Symbole so auslegen, wie ihm passt. So tat es auch Hugo Pratt, der den Comic in jener Stadt spielen lässt, in der er studierte.

Wo sollte ich das Buch fertig lesen? In der Lagunenstadt, wo Pratt seine Karriere begann, oder in Grandveaux, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Im Ort wurde ein öffentlicher Park eingerichtet, in welchem eine Statue Corto Maltese steht, die als Denkmal das Werk Pratts ehrt. Corto blickt über den Genfersee hinaus in die Weite nach Osten in Richtung Venedig. Ich hab’s mit dem muntern Helden gehalten und an die Worte gedacht, die er auf der letzten Seite des Comics preisgibt: «Am besten versucht man gar nicht, etwas verstehen zu wollen. So könnte ich herausfinden, dass du aus dem gleichen Stoff bist wie die Träume.» Ich habe nachgedacht, das Buch weglegt, mich auf die Seite gedreht und die Decke über den Kopf gezogen.

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