Hinaus aus dem Sprachstau

Eine fabelhafte Konstruktion über Frauen, Hexen und genderfluide Familienbande liefert Kim de l’Horizon mit seinem Blutbuch. In diesem geht das Leiden über die Körperlichkeit einher mit dem Leiden über die Sprache. Sprache ist immer ein Stück Heimat und Familie. Auch der Körper, in welchen der Säugling hinein geboren wird, stellt ein Stück Heimat dar. Mehr noch: Das Neugeborene gliedert sich in einen Stammbaum ein – ob es will oder nicht. Von den Vorhergegangenen übernimmt es Haarfarbe, Gesichtsform, Körperbau und vieles mehr. Es wird über Blutsbande mit anderen verbunden und in einen männlichen oder weiblichen Stammbaum eingegliedert. Doch ein solcher Baum, auch ein Sprachbaum, vermag das ganze Wesen eines Menschen nicht zu erfassen und darum durcheinander bringen.

Kim de L‘Horizon behandelt in seinem Roman die Blutbuche in all ihren Facetten. Eigentlich füllen diese Bäume im Buch einen ganzen Buchenwald. Aber seine Blutbuche ist eine ganz spezielle Buche, weil sie vom Grosspeer als nationalistischer, heimatlicher Baum, als zentraler Teil des Stammbaums gepflanzt wurde. Aber, oh Schreck, der Grossvater setzte den Baum für ein Mädchen und somit den weiblichen Zweig der Familie. Kim de l’Horizon bindet das Band der Blutbande über die von ihm, von ihr, von der neuen, persönlich gewählten und bestimmten Gestalt auf seine Weise in die eigene Biographie ein. Der Stammbaum geht im Wald der vielen Bäume unter und verliert die angestammte Sprache der Vorfahren.

Der Baum streckt seine Äst in allerlei Richtungen aus und beeinflusst den Werdegang des männlich geborenen Stammhalters auf märchenhafte, bedrängende Weise. Dem Verlust der körperlichen Orientierung folgt der Verlust der Sprache. Goethe weist Es – oder vielmehr Queer – von sich wie auch die tradierte Muttersprache. Die Festigkeit des Klassischen schwindet. Dies Queer bewegt sich in einem extensiven, meist monologisierenden Zwiegespräch mit seiner Grossmeer und auch Meer auf unsichere Weise durch die Vergangenheit und bemüht sich gleichzeitig, in der Welt den Weg zu finden. Authentische Worte findet Queer für die Liebeleien und Lustkrämpfe, die Queer mit seinen Liebhabern und Männern ausficht.

Dazu gehört, dass Kim der Sache mit der Blutbuche nachgeht und für sich jene Zusammenhänge aufdeckt, die mit dem Baum in Verbindung stehen. Es stösst auf ein ganzes Wundermeer von Geschichten, bewegt sich danach frei, fidel und phantasievoll in der Vergangenheit und kramt gekonnt pseudowissenschaftlich in den Erkenntnissen über die eigene Biographie. Alte Wörter gehen, neue Wörter kommen. Wurzel, Stamm und Krone der eigenen Geburt werden als Textcorpus textgrafisch auf den Kopf gestellt. Befreit von der Körperlichkeit des gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechts folgt der Gewinn der eigenen körperlichen Orientierung und der neuen, nichtheimatlichen Sprache.

Das Blutbuch ist keine suspekte Geschichte, aber ein gutes Buch. Während der Lektüre habe ich mich jedoch immer wieder gefragt, wo ich es fertig lesen soll. Soll ich ins Emmental, um über das Buch den Geruch einer alten Tradition aufzunehmen? Soll ich in den englischen Sprachraum reisen, um dort dieser Tradition zu entkommen? Nein, ich habe mich unter einen Baum gesetzt, von dem ich, als Städter davon aus gehe, dass es sich um eine Buche handelt. Um Blut zu erhandeln, habe ich in einen Finger gestochen. Der Tropfen fiel auf das Laub, melodramatisch. Von einem Blutsbruderschnitt steht jedoch nichts im Buch. Auch nicht von einem Queerschnitt. Ich habe die Lektüre ganz unspektakulär beendet. Unter meinem Baum las sich das Buch zu Ende und nach dem letzten Satz – angefüllt mit vielen, neuen Ideen – habe ich es geschlossen.

Endlektüren Texte

Hinweis: Die zu Ehren von Catherine Repond „La Chatillon“ geschaffene Skulptur stammt vom italienischen Künstler Dino Felici und wurde im Jahr 2000 auf dem Gibloux aufgestellt.

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