Heidi weitab in den Bergen

Tönt eine Glocke in einem Schlafzimmer gleich wie in der Küche oder schlagen die umgebenden Wände lautverfremdend auf den Ton zurück? Diese Frage lässt sich auf Bücher umpolen. Die Aussage lautet dann: Ein Buch liest sich im Stauraum einer Nasszelle anders als auf einer Parkbank. Angemerkt sei, dass ich schon wieder einen Krimi von Donna Leon lese und zwar nicht in der Originalsprache, also Amerikanisch, sondern auf Deutsch.

Dabei stiess ich auf folgenden Satz: «Wir leben nicht mehr in Heidis Zeiten, Guido» – und war wie vor den Kopf gestossen. Offenbar hatte der Übersetzer aus Entgegenkommen für die deutschsprachige Lesergilde beziehungswiese Leserinnenschaft in den Krimi, der in Venedig spielt, einen im deutschen Sprachraum heimischen Vornamen gesetzt. Wenn es geheissen hätte ‘Wir leben nicht mehr in Colombinas Zeiten, Guido’, dann hätte die genannte, italienische Damen möglicherweise den für das Verständnis des Textes nötigen Sachverstand der angeführten Leserinnen und Leser aus dem deutschen Sprachraum womöglich über das Nötige hinaus strapaziert.

Mit Heidi hingegen ist man in den hiesigen Breitengraden vertraut. Das Werk «Tierische Profite» setzt im textuellen Kontext das berühmte Alpmädchen in Zusammenhang zu Kühen, obwohl in der Geschichte von Johanna Spirry Peter Geissen hütete. Der Name des Mädchens klingt für eine deutschsprachige Gemeinschaft jedoch nach Heimat gemäss dem Motto: Die kenn ich doch recht gut, das Heidi von den rauschenden Tannen und dem Alpöhi.

Der Sache ging ich auf den Grund: Wie klingt der Originalsatz? In Beastly Things heisst es: The days of Heidi are over, Guido. Tatsächlich taucht das junge Alpengirl in Venedig auf. Ich war perplex. Heimatgefühl vermittelt der Name jedoch der englischsprachigen Leserschaft wenig bis nicht. Der Ton der Glocke schwingt anders in Westminster als jener der Glocke an einem Kuhhals, obwohl der Name gleich lautet im Original wie in der Übersetzung. Dennoch tut der von der Autorin gesetzte Vorname seine Wirkung und verfremdet auch für die anglofone Lesewelt das Bild der gesunden Alpenwelt: Kühe stehen im Krimi nicht für gesunde Bergkost, sondern für abgrundtiefe Verbrechen an der Konsumwelt. Colombina hätte diese Verbindung zwischen gesund und krank nicht erwirkt.

Was wäre gewesen, wenn ich das Buch in französischer Sprach gelesen hätte? Was wäre gewesen, wenn im Roman statt Heidi Gilberte de Courgenay aufgetaucht wäre? Auch dieser Überlegung ging ich nach. Die Antwort findet sich vor Ort. Ich bin in den französischsprachigen Jura gereist, um zu erfahren, was Tierische Profite in frankofoner Umgebung taugt. Auf der Bank der Veranda einer Berghütte in den Jurahöhen sitzend las ich die letzten Zeilen der Profite und liess danach das Gelesene noch einmal durch meinen Kopf ziehen. Ich habe festgestellt: Der welsche Tonfall, den ich von drunten im Tal aus den Cafés und Bars im Ohr und in die Höhe der Berge mitgebracht hatte, passte nicht in das maritime, venezianische Klima und den damit assoziierten Verbrechen. Die jurassische Frohnatur Gilberte – klangvoll gesprochen: ‘Nous ne vivons plus au temps de Gilberte, Guido’ – hätte zur Bekämpfung der kriminellen Machenschaften, die mit verseuchtem Schlachfleisch eine gesundheitlich einwandfreie kulinarische Grundversorgung der Menschen torpedierten, ebenso wenig getaugt wie Heidi.

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