Das krude Schachspiel

Dunkle Machenschaften von Schach spielenden Männern rollt Friedrich Dürrenmatt auf. Für viele bleibt Schach ein Fragment, weil sie die Regeln nicht kennen und darum das Spiel nicht verstehen. Friedrich Dürrenmatt gibt neue Regeln für ein krudes Schachspiel durch. Des Autors Idee ist ein Knaller und hätte er den Text, der als Fragment verkauft wird, zu einem Theaterstück ausgearbeitet, wäre dieses des Besuchs der alten Dame an Boshaftigkeit ebenbürtig gewesen. Die Verbrechen, die dem Stück grundgelegt sind, bedingen eigentlich, dass die beiden Schach spielenden Rechtsvertreter, ein Staatsanwalt und ein Richter, nicht nur die Regeln ihrer Ethik über den Haufen werfen, sondern gleichzeitig gleiches mit den Schachregeln tun. Will heissen: Wenn sie die Regeln des Gesetzes nicht beachten wollen, dann sollen sie ebenfalls nach eigen von ihnen gesetzten Regeln Schach spielen.

Im Schach stehen jeweils zu Beginn des Spieles die weissen Figuren, nur in den Farben anders, als Spiegelbild den schwarzen Figuren gegenüber. Schon nach dem erster Zug zerfällt diese Harmonie wie das ethische Bewusstsein der beide spielenden Herren. Zurück zu Dürrenmatt: Statt die Regeln umzuwerfen, könnten sich der Richter und sein Staatsanwalt mit einem Spiel geistig verköstigen, das das Spiegelelement im Schach konsequent umsetzt. Nach dem ersten Zug des weissen Spielers müsste der schwarze Gegenspieler auf seiner Seite dieselbe Figur, spiegelbildlich gesprochen, um die gleiche Anzahl Felder wie sein Gegenüber bewegen. Es gilt nun zu beobachten, wie viele Figuren auf diese Weise parallel gezogen werden können, bis ein bereits besetzes Feld diesem Treiben ein Ende setzt. Dürrenmatts Duo hat anderes im Sinn. Was in den Köpfen der beiden Spieler vorgeht, spielt der Autor im Fragment aus. Die entstehenden Aggressionen hat er in Der Schachspieler, so der Name des Fragments, veranschaulicht. Im Kopf der Spielenden spult nicht nur reine Mathematik ab, welche die Reihenfolge der zu tätigenden Züge ausrechnet. Der Autor öffnet den Zugang zu Abgründen.

Keinen geeigneteren Ort gibt es, um das Fragment fertig zu lesen, als die Place des Bastions in Genf. Dort ist ein ganzes Feld von Schachbrettern in den steinernen Boden des Platzes eingelassen. Viel Volk tummelt sich um diese, von dem man nicht weiss, nur erahnen kann, was es sich vom Schachspiel erhofft. Die Schachfiguren halten ihren Platz. Die Menschen aber, welche die Figuren bewegen oder nur beobachten, haben möglicherweise Anderes im Sinn. Betrachten sie das Spiel als ein Orakel? Erhoffen sie sich, dass das Spiel ihnen Winkelzüge offenbart, die den Betrachtenden gestatten, die dunklen Gedanken Dürrenmatts im eigenen Leben umzusetzen und so Wirklichkeit werden zu lassen? Diesen Vorstellungen Gültigkeit zu verschaffen, hiesse, die eigenen Regeln im Leben und gesellschaftlichen Zusammensein auf den Kopf zu stellen. Auf das Schachspiel übertragen bedeutete dies, die Schachregeln ausser Kraft zu setzen und gemäss eigener Regeln die Figuren zu ziehen – ganz so als handle es sich bei diesen um einen Colt, den man nach Bedarf aus seinem Halfter zieht.

Die beiden Herren in Dürrenmatts Spiel müssten die Figuren, indem sie ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ethik ins Abseits stellen, folgerichtig gemäss eigener Regeln ziehen. Das Spiel gestaltete sich zu einem russischen Roulette, in welchem alle Abmachungen, auch die selbsternannten, während des Spiels an Gültigkeit verlieren. Kein Wunder also, dass die Dame, vorzeitig, noch bevor sie Matt gestellt ist, in Ohnmacht fällt. Darum: Die Endlektüre des Fragments von Dürrenmatt bewerkstelligte ich auf dem genannten Platz. Denn dort wird auf den zahlreichen Brettern nach den Regeln der Kunst gespielt. Das vermittelt Sicherheit. An jenem Ort drohe ich nicht durch eine heimtückische Kugel aus einer Pistole oder durch eine der Machenschaften des Richters oder des Staatsanwalts aus dem Leben befördert zu werden.

Endlektüren Texte

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