
Abwegig können seine Ängste und Überlegungen nicht sein. Er erkennt, was Wirklichkeit ist. Die Menschen, die er sieht, entspringen nicht einer Täuschung, einem um die Ecke geleiteten und herbei geführten Hirngespinst, nicht einer Anwendung aus dem Umfeld des hochgepriesenen ChatGPT, diesem Datentransformatoren, der fleissig und hirnlos wie ein Roboter am Fliessband aus dem Reich der Sagen und Legenden schöpft, daraus fantastische Figuren kreiert, dem Publikum und somit auch ihm, dem vor dem Bier Sitzenden, als Rogs, Frogs, Turgonen, Fakes und Fates, Kaziken, Berserker, Heilige, Schamanen, Carypten, Mänaden, als Ulfhednaren, Dschinnen und Sukkuben, Heiliginnen, Schamchat, Runzelmännern und Walküren mit böser Absicht serviert; also jene Utensilien aus der Erzählkunst heraus greift, die nötig sind, um ihm einen gigantischen Schrecken einzujagen. Kurz: Der Mensch entspricht nicht einer App, die mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln genüsslich und nicht überdrüssig des Althergebrachten aus dem übervollen Reservoir des literarisch-schauerlichen Gesellschaftstratsches, der Sagenwelten, Verschwörungstheorien und Religionen ihre Inspiration holt, irrationale Fabeln zusammenschustert und nach Gutdünken zu sinngebenden Inhalten verquirlt und ineinander fügt. Oder doch? Der Mensch eine Applikation, die sich nach Belieben verwalten lässt?
Die Splitter all dieser über die Epochen der menschlichen Fabulierkunst entwendeten Erzählstoffe verbinden sich im Geist des vor dem Tisch Harrenden zu einem immensen Gewurstel, aus dem er Stücke herausschneidet wie Scheiben von einer Salami und sich als Leckerbissen des Unheils, Schreckens und Übels einverleibt, einen Brocken nach dem anderen, so dass die geistige Verdauung nicht zum Stillstand gelangt und er gleichzeitig in seiner rational-präzisen Entwicklung kein Jota weiterkommt. Trotz des Stillstands oder gerade deswegen, weil kein Ventil den Druck in eine Aktion umleitet, staut sich Energie in seinem Inneren auf, wächst, entwickelt sich im Übermass, so dass sie ihm die Kraft gibt, der anstürmenden Last zu trotzen und nicht zusammenzusacken. Er hält dem Ansturm an Bildern, Eindrücken und aufstauenden Bürden Stand und setzt ihnen sogar mit verwundeter Seele seinen Willen entgegen. Doch mit der Zuverlässigkeit der von ihm aufgenommenen und verarbeiteten Eindrücke und daraus erarbeiteten und gewonnenen Schlüsse ist es nicht weit her.
Das Tor gewinnt in seinem inneren Auge an Grösse und entwickelt sich zum Ort eines Schauspiels, vor dem er selber erschrickt. Es etabliert sich als eine drohende Kulisse, nein, als eine Wirklichkeit, der er sich nicht zu entziehen vermag. Er japst. Die hereinschaukelnden, aufdringlich eindringenden und ihn massiv einengenden Eingebungen und Vorstellungen formen und verdichten sich zu einem Aufstand gegen seine Vernunft. Die Menschen, die das Tor durchschreiten, visioniert er als normalgross. An diesem Mass muss er festhalten, sich nicht in Überdimensionales versteigen, das ihn das Tor grösser aussehen lässt, als es wirklich ist. Ebenso gehört es sich nicht, dass er die Leute, die den Platz benutzen, indem sie ihn überqueren, zu fratzenhaften Gestalten stilisiert, die lemurenhaft seine Innenwelt bevölkern. Er bemüht sich, die schauderhaften Visionen, die das Tor generieren könnte, nicht zu einer handfesten Grösse in seinem Denken und Empfinden werden zu lassen. Auf diese Weise will er verhindern, dass die harten Finger und spitzen Krallen pathologischer Wahnvorstellungen nach den Hirnwindungen tapsen und somit tief in seinen eigenen Empfindungen herumgrabschen mit dem Ziel, die Überhand zu gewinnen und ihn in seiner Verwirrung endgültig festzusetzen und so den freien Gedankenfluss zu verhindern oder gar umzulenken wie ein abgelenktes Elektron, das, durch seinen Einfall in den Atomkern, diesen in die Luft jagt. Er wünscht keinen Weltuntergang herbei. Ihm ist nicht nach einem zersprengten Geisteszustand, in welchem er wie bei einem Puzzle, nachdem all sein Sinn und Denken wie nach einer mentalen Sprengstoffexplosion auseinandergefahren ist, nach den Einzelteilen suchen muss, damit er das Bild, das er um sich wahrnimmt, wieder richtig zusammensetzen kann.
Die exakten Wissenschaften tragen weitere Abscheulichkeiten zum Bestiarium bei, das die menschliche Erzählkraft bisher geschaffen hat. Sie stürmen auf ihn ein. Er fühlt sich bedrängt, bedrückt, genötigt. Die neuen elektronischen Stränge, künstlich intelligenziert, die entmenschlichten sozialen Netzwerke, wo Fake und Trolle sich die Hand reichen, legen sich albtraumhaft mit der Gewalt von Orks in das Bett, das bereits all den schlimmen Botschaftern und Botschafterinnen des Endes seines Sein als Wallstatt dient. Den Spielraum seines Verstandes beabsichtigt er nicht durch all den in ihm spukenden Kreaturen einzuschränken. Ihm muss daran liegen, dass er rechtzeitig reagiert, bevor die ganze verwunschene Gesellschaft die Oberhand in seiner Welt gewinnt, und darum zur Tat schreiten.
Unvermittelt wendet er sich an die Nachbarin und setzt an: «Die Ströme» – er hält inne.
Die Frau, als müsse sie erst verdauen, dass er sich an sie wendet, bevor sie ihn erneut dazu auffordert – denn sein langes Beharren im Schweigen deutet nicht darauf hin, dass er von sich aus das Wort energisch ergreifen wird – lässt einige Momente verstreichen. Dann setzt sie zur Frage an: «Was ist mit diesen?»
Er setzt erneut an: «Die Ströme ziehen über den Platz ihre Spuren, die man sehen kann. Sie fliessen durch das Tor ab.» Er weist mit dem Finger auf den Bahnhofeingang. Sie nickt und meint dann – korrigierend: «Das ist kein Tor. Das ist ein ganz gewöhnlicher Eingang zum Bahnhof, ohne Schnickschnack und Stuck. Auch wenn du die ganze Zeit über auf ihn starrst. Solche Eingänge gibt es tausende. Ich sehe nichts Aussergewöhnliches. Er ist zweckmässig und rationell.»
«Aber nur diesen Einen», antwortet er überraschend schnell. «Diesen Einen», wiederholt er.
«Was soll an dem so speziell sein, abgesehen davon, dass ihn viele Leute benutzen?»
«Alle.»
Sie säumt nicht zu antworten: «Wer alle? Du hast nicht alle Tassen im Schrank.»
«Sie. Alle. Wir», gibt er zurück.
«So kommen wir nicht weiter. Drück dich gerade und klar aus und nicht krumm um jede Kurve herum, die unseren Weg nur in die Länge zieht. Das führt dazu, dass wir weiter als gedacht bis zum Ziel haben.»
Das Ziel! Dieses liegt gegenüber auf dem Platz. Doch weiter als gedacht, sagt sie. Zeit gewinnen. Die Distanz ist grösser, als es den Anschein macht. Dennoch: Die anderes Seite ist in Sichtweite und somit näher als eine Uhr braucht, um eine Strecke in einer Minute zu messen. Das behagt ihm nicht. Er muss auf irgendeine Weise Distanz schaffen, die Zeit abbremsen. Er denkt sich Möglichkeiten aus: Kriechen wie eine Schnecke und in ihrer Geschwindigkeit, über den Platz, damit es länger dauert bis drüben; schlängeln wie eine Schlange und auf diese Art die Strecke verlängern, so dass er die Illusion leben kann, er habe noch viel Weg vor sich. Zum Tier werden, um dem menschlichen Schicksal und seinen Ängsten zu entfliehen: Diese Optionen denkt er sich aus. Der Trug trägt nicht weit. Das Tor lässt in seiner Präsenz nicht nach. In Sichtweite. Gerade Linien, die er ohne zu zögern und Zeit zu verlieren abschreiten kann, führen ohne Umschweife dorthin. Das Gespräch mit ihr bildet möglicherweise den Umweg, der die Strecke zum Tor zwar verlängert und ihm eine Verschnaufpause auf seinem Gang zum Ziel gewährt. Sie stellt aber gleichzeitig ein Hindernis dar, dem er aus dem Weg zu gehen hat, wenn er zum Tor gelangen will; ein Hindernis aber auch, das zu umgehen er hinausschieben muss, um auf dieser Seite des Platzes zu bleiben und sein Leben zu erhalten. Für ihn gilt es, die Frau warm zu halten, damit sie ihm weiterhin im Wege steht und er nicht unverzüglich geraden Wegs hinüber zum Bahnhof geht. Darum sagt er: «Die Welt ist heute voll von Elektronik.» Er staunt selber darüber, wie er von der direkten Linie auf den Bahnhof hin abweicht, indem er mit der Frau spricht. Passt dieses Ausweichmanöver zu seinem Schicksal? Dennoch fährt er weiter: «Bücherwände sind voller Informationen. Sie beinhalten Elemente, die dem Menschen zusetzen, wenn er sich zu sehr in die Seiten der Bücher hineinliest. Die Informationen sind durch Menschen in die Bücher gesetzt worden, die, so ist ihnen zu unterstellen, dem Menschen Böses wollen.»
Sie schaut ihn an, wie er schweigt. «Ich verstehe dich gar nicht», lautet ihre Antwort.
«Die vielen Informationen, in den Büchern, die uns sagen, wenn man sie liest, was in ihnen steht, die Bücher, die uns mitteilen, wie es mit uns wird, am Ende der Tage. Diese Informationen sind beklemmend. Sie gehen ans Fleisch, wenn man mit der Zeit zusehends seine Knochen spürt. Seine Knochen spürt der Mensch schon früh in seinem Leben, besonders dann, wenn er sich zum ersten Mal einen Knochen bricht. Der Knochen Bruch bildet eine zusätzliche Information zu dem, was in den Büchern geschrieben steht. Ein Bruch im Skelett stellt eine Störung dar im Ablauf von dem, was der Mensch ist und wie er funktioniert und handelt. Der Bruch macht dem Menschen bewusst, dass er nichts anderes ist als ein Geschöpf, das verletzlich ist und fragil und letztlich auf sein Ende zugeht. Ein Bruch entspricht einem Sprung in einem Buch in der Bücherwand. Der Sprung führt dazu, dass der Mensch Informationen verliert. Die Folge davon ist Unsicherheit, wie sie dann ebenfalls entsteht, wenn im Skelett des Menschen ein Stück bricht. Bruch und Buch lassen den gleichen Schluss zu: Das Vertrauen in das, was wird, wird angekratzt. Das ist der Anfang vom Ende.»
«Was soll ich mit dem anfangen, was ich soeben gehört habe», platzt es aus der Frau heraus. Sie ist zwar beeindruckt, wenn nicht gar überrumpelt von der Länge der Rede, die jener hingelegt, und ebenfalls vom Inhalt, der ihr, auf das erste Hören hin eingeschätzt und geprüft, ohne Zusammenhang und Sinn erscheint.
«Ich erkläre mich. Wenn in einem Buch ein Stück fehlt, ein Buchstabe hinausgefallen ist, weil das Buch zu stark geschüttelt wurde, wie bei einem Computerprogramm, das hin und her kopiert wird und darum eine Chiffre, eine Eins aus Versehen hinausfällt, dann ist es wie bei den Menschen, wenn bei ihnen etwas wegfällt.» Er hält inne in dem, was er sagt, als gehe er davon aus, es sei von absoluter Luzidität gewesen, was er zum Ausdruck bringt. Er unterbricht sein Schweigen nicht, verhält sich viel mehr, als habe er alles, was mitzuteilen ist, auf den Tisch gelegt, auf den Punkt gebracht, es darum keiner weiterer Erklärungen bedarf und als seien der Worte genug platziert, die seine Sätze und Gedanken zur Druckreife bringen sollen. Er sinkt wieder in sich und signalisiert auf diese Weise, so muss sie neben dem Schweigen auch seine Haltung interpretieren, er harre einer klugen Replik auf die von ihm vorgestellte Gedankenführung. Seine Enttäuschung ist gross, wie er die Antwort vernimmt, und seine Schultern senken sich sichtbar um einen Zoll tiefer. Er geht atmungsaktiv in sich, indem er ein, zwei Mal durchatmet. Die Antwort lautet: «Sammle dich und fasse dich klar in dem, was du sagst.»
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