Vieles dreht sich um die Bahnhöfe. Die Ideen, das Denken, das Sehen, das Sehnen. In gewissen Situationen ist ein Bahnhof ein Abschied. Dann, etwa, wenn ein Zug anrollt und die Halle für ein bestimmtes Ziel verlässt.

Er schaut dem Gefährt nach und anschliessend wieder vor sich hin. Das Bier befindet sich auf dem Tisch. Das Glas steht gut gefüllt vor ihm, die Flasche daneben. Der Flaschenhals dient als Visier zum Tor, das in den Bahnhof führt; der Hals richtet sich als Korn auf das Ziel. Er nimmt das Tor aufs Korn. Er blickt unachtsam. Zu beiden Seiten des Durchgangs erkennt er hinter den Abschrankungen des Gebäudes wartende Züge. Die Seitenflügel sind transparent und gewähren Einblick in die Bahnhofshalle, die massiven Stützen, die das Tor bilden, dagegen nicht. Die schwarzen Gerüste versperren die Sicht auf ihre dunkle, ihm abgewandte Seite, die er nicht sieht. Die Züge verfügen über eine besondere Eigenschaft. Sie haben viel Geduld, können lange warten. Und plötzlich schlagen sie zu – die Türen – wie der Tod. Dieser wartet zuweilen lange auf den Menschen, bis er ihn durch das Tor zu sich holt. Die Räder, die er sieht, runden das Tor ab, das er aufmerksam und intensiv schon seit geraumer Zeit betrachtet, ohne Unterlass und ohne Unterbrechung, Abend für Abend. Das Tor wartet wie jenes zum Orkus auf die Menschen. Die Züge bilden die Barken.
Er erhebt sich. Wie zum Gruss. Als wolle er salutieren. Als wolle er sich in Bewegung setzen. Der Mensch ist das Tor, wenn er nach ihm schaut. Er setzt sich wieder. Es ist noch zu früh – am Abend, um zu gehen und sich vom exquisiten Aussichtsposten zu verabschieden. Er schaut die Öffnung an, unverwandt und doch so verwandt mit dem, was auf ihn zukommt. Allabendstunden verbringt er in diesem Lokal und schaut hinüber, verbringt seine Zeit. Das Tor lockt ihn. Das Gebäude, in welches es den Zutritt gewährt, gilt als Startplatz für allerlei geistige Flüge und Ausflüge. Der Eingang greift tief in seinen Körper hinein, weckt die Schmerzen, die er mit Medikamenten entfernt, welche er möglicherweise nicht benötigt, denkt er sich. Er korrigiert sich selber: Er nimmt keine Medizin, fällt ihm ein. Alle Welt ist Täuschung. Er kostet das allabendliche Bier, schaut vor sich hin. Es stellt ihn auf und gibt ihm Kraft. Wieder ruft ihn das Tor zur grossen Fahrt auf. Er ist reiselustig. Das wissen jene, die ihn kennen. Darum liebt er die Bahnhöfe, wo die Züge stehen, die in die Ferne fahren und die er, gedankenversunken, betrachtet. Er liebt ferne Welten, Länder die andere meiden. Jeder Eintritt in ein neues Land bildet das Tor zu neuen Erkenntnissen.
Die Einreise jedoch, dessen ist er sich bewusst, sitzend am Tisch und mit Blick auf das Tor, entspricht nicht mehr als einem Blick durch ein Schlüsselloch. Um dieses herum stehen eine Tür und eine Wand, die beide aus allerlei Geheimnissen fest gefügt sind. Das fremde Land, dessen Gesellschaft, bestehen aus Bausteinen. Sie sind aus unterschiedlichen Stoffen und Materialien geschaffen. Sie enthalten die zahlreichen, überlieferten Gepflogenheiten, über welche dem ankommenden Fremden jegliche Übersicht fehlt, und die ungeschriebenen Gesetze, die das gesellschaftliche Leben regeln und die der Ankömmling nicht kennt. Das Gebiet, in das er tritt, muss sich zuallererst entpuppen, sich ihm öffnen, damit es wie ein Schmetterling aufgeht und in seinem Denken und Fühlen die Farbenpracht und das immense Angebot an Mustern entfaltet, das Schmetterlingsflügeln eigen ist und er erkennen kann. Die Toreinfassung ist aus einem ganz bestimmten Stoff geschaffen.
Jeder neue und nächste Schritt in das Land erweitert die Sicht durch das Schlüsselloch. Das schätzt er, der vor dem Bier sitzt, hoch ein. Länder sind Entdeckungen. Darum liebt er das Reisen so sehr. Jede Abfahrt am Bahnhof führt zu einem Eintauchen in eine ungestillte Neugier. Sie zu befriedigen bildet eine der Triebfedern, die ihn zum Reisen ermutigt und antreibt.
Der Wissensdurst tränkt die Willenskraft, die ihm ermöglicht, immer zielgerichtet vorwärts zu gehen auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und Kenntnissen. Jede Fahrt gestaltet sich als Reise ins Unbekannte. Er muss sich wappnen, damit er unliebsame Begegnungen parieren kann, gleichzeitig offen und zugänglich bleibt für ansprechende und angenehme Kontakte. Jede Tür, durch die er tritt, öffnet ihm den Weg in ein neues Reich. Reisen ist schön. Nur die Reise nicht, die er angetreten hat oder vielmehr im Begriff steht, es zu tun. Er betrachtet den Weg, der ihn erwartet, den er zu gehen hat, über den Platz.
Leute, denen er auf ehemaligen Reisen begegnete, zufällig oder auf Vermittlung, haben ihm die geheimnisvollen Zusammenhänge gelichtet, welche in gesellschaftlichen Beziehungen eine Rolle spielen und die er – auch heute noch – nicht selber zu durchschauen vermag, oder erläutern ihm seltsame Reaktionen und merkwürdige Vorlieben von Menschen und ihr sonderliches Verhalten, für die er, wie er auf sie trifft und somit mit ihnen bekannt wird, im ersten Moment kein Erklärung findet. Auf vieles Unbekanntes stösst er, wenn er unterwegs ist. Nur, dieses Tor gewährt ihm einen direkten Einblick, offenbart ihm die Wahrheit auf das, was seiner wartet. Diese Reise will er nicht antreten.
Ein neues Bier wird gebracht, diesmal nicht in einer Flasche, sondern vom Fass, das ohne das Visier auf das Tor ausgerüstet ist. Der Schaum thront über der gelben Flüssigkeit wie der Rauch über einer alten, schwarzen Dampflokomotive, die, angeheizt, vor einen Zug gespannt ist und diesen auf ein Ziel hin ziehen muss. Wie alabasterfarbener Schaum quellen die Schwaden aus dem Schornstein des Ungetüms aus der Zeit der frühen Industrialisierung und erfüllen die Bedingungen für ein überholtes Verständnis von Technik, passen zu einem verraucht-verstaubten Bild, das die Welt von gestern wiedergibt. Der von ihm ausgedachte Vergleich harmoniert mit dem plastischen Abzug einer überlebten Wirklichkeit. Er fühlt sich, auch wenn er an eine Dampflok denkt, dennoch nicht alt. Er kommt sich nicht antiquiert, überholt vor, nicht aus einer anderen, vollends zerronnenen, davon gerollten Zeit. Über ein Kamin, einem schmauchenden Schlot, der als Ablassventil dient, um Überdruck abzubauen, verfügt er nicht, atmet nicht durch ein solches und dampft nicht durch die Gegend. Geht man aufrecht durch das Leben, geht man unverkrampft. Er richtet sich auf und streckt den Rücken, bleibt am Tisch. Muskeln und Haltung verkrampfen sich bei gestressten Menschen. Sie gehen vorwärtsgerichtet gebückt. Er sitzt aufrecht am Tisch. Als ob er erst am Ende seiner Schulzeit stehe.
Er bemerkt einen alten Bekannten, der vorbeigeht. Grüsst. Wann bin ich ihm das erste Mal begegnet? Den kenne ich seit Jahrzehnten, sagt er sich. Handelt es sich tatsächlich um Jahrzehnte oder doch nur einige Jahre, fragt er sich. Jener wirkt stark gealtert. Das heisst für mich, der ihn seit langem kenne: Auch ich bin gealtert und zwar um genau jene Dauer, die ich ihn kenne. So wie er sich präsentiert, werde auch ich aussehen: älter als früher, als ich noch jung erschien. Eine weitere Überlegung schiebt sich vor, der er, zu seinem Selbstschutz, für seine Eitelkeit, grosses Interesse zollt: Einige Menschen altern sichtbar schneller als andere. Zum Glück dient mir das Bierglas nicht als Spiegel, in welchem ich mich erkennen kann. Ich kann mich vielmehr in meinen Gedanken und Träumen weiterhin in meiner Jugend sonnen. Ich fühle mich jung. Das Altern beginnt früh. Das Tor zum Bahnhof schaut ihn an.
Eine Person löst sich plötzlich aus der Kolonne der Menschen, die auf den Bahnhof zusteuern. Der Person spontane Handlung sticht ihm ins Auge. Er weiss nicht warum, betrachtet die Figur genauer, wird aber keiner Botschaft gewahr, die sie ihm zuspielt, auch insgeheim, keines Signals, das ihm vermittelt, warum er gerade diese Gestalt mit dem Auge erfasst. Schleierhaft ist ihm, warum gerade dieser Figur sein Interesse gilt, er sie aus der Menge der Anderen heraus pflückt und seiner Aufmerksamkeit zuführt. Eine Ursache für seine Wahl macht er nicht aus. Er gibt nach, lässt die Gestalt fallen, fahren und forscht in seinen Gedanken nicht weiter nach dem Wie und Warum seiner Gedankenregung, schaut der Person nach, weil er weiss, dass sie den Weg nimmt, den auch er gehen muss, er sich nun aber eines anderen besonnen hat. Keinen Schritt weiter als bis zu diesem, seinem Lokal wird er sich dem Bahnhofsgebäude nähern. Er verharrt darum vor seinem Bier.
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