Der Vorplatz

Der Platz, obwohl flach, erweckt den Eindruck einer Mulde, in der sich kein Gesprächsstoff sammelt; eines Trichters, der keine Konversationsteile auffängt und zur stabilen Basis einer tiefgreifenden Diskussion verfestigt. Die Äusserungen über den Verlust einzelner Bausteine im Datenverkehr zwischen Rechnern haben dem Gefäss, dem Intuitionstiegel, der am Platz wie eine Tonne Ideen fassen soll, keine geistige Nahrung zugeführt, die das Gespräch zwischen den beiden wieder in Gang bringt. Der Gesprächsreichtum ist auf das Niveau eines supponiert verlorenen Buchstabens gesunken. Der Verlust der Gesprächsgrundlage zwischen ihr und ihm vertieft den Graben, der als Gang zwischen den nicht weit voneinander stehenden Tischen sichtbar ist.

Der Platz vor einem Bahnhof, dem der Inhalt fehlt, mangelt an grundlegenden Impulsen für jede erquickende, zwischenmenschlich aufbauende Kommunikation. Das Hin und Her auf dem Gelände vor ihnen, dies aus Sicht der Frau, erweckt bei ihr den Eindruck, als wären all die Leute auf der Suche und als irrten sie darum bei dieser Beschäftigung von hier nach dort herum, statt zusammenzustehen, ihre Fragestellungen zu bündeln und diese gemeinsam zu erörtern, um so Lösungen zu finden und anstehende Schwierigkeiten zu überbrücken. Der Platz kommt ihr vor, als wäre er kein Sammelpunkt für den Ideenpulk, den die Menschheit mit sich führt und über den sich die Menschen austauschen und freuen, sondern ein Durchgang, durch den vieles fliesst, aber nichts hängen bleibt, ein Ort, wo niemand seine Zeit verlieren will.

Nur die merkwürdige Folge von Gedanken, die er von sich gegeben, hat sich, unsichtbar für alle, greifbar für sie, in der speziellen Aura des Bahnhofplatzes verfangen. Die von ihm geäusserten Überlegungen stossen dabei in keine Gedankenmühle vor, die es erlaubt, dem geistig räuberischen Machwerk, das er aus verschiedenen Quellen entwendet hat, auf den Grund zu kommen. Aus welchem Gedankenberg dieses geistige Wasser ursprünglich sprudelte, weiss sie nicht. Eines jedoch ist sie sich gewiss: Das Diebesgut basiert auf Gedankensplittern, die spinnig ausfabulierten Geschichten entstammen. Er sammelt diese, fügt sie auf unlautere Art zusammen und setzt sie als wunderliches Mathematikspiel in die Welt. Wie soll sie verstehen, wie diese verdorbene Frucht des emotionalen Raubzuges durch den Dschungel des angesammelten Wissens der Menschheit im Denken des Tischnachbarn Fuss zu fassen vermochte und was er mit seinen konfusen Aussagen erreichen will?

Der Platz, auf welchen beide schauen, liefert keinen Anhaltspunkt für die merkwürdigen Schlüsse und Gedankenzusammenführungen des Mannes. Die architektonische Konstruktion müsste anders gestaltet sein, um dem doch ansehnlichen Sammelsurium an Eingebungen gerecht zu werden, die er unkontrolliert verdreht und zu einem unansehnlichen Zopf flicht, der unfachmännisch gewirkt und darum unästhetisch in verschiedenen, schlecht ausbalancierten Abschlussstücken endet. Sein Bauwerk ist nicht von Mauern eingefasst, welche die gedanklichen Ergüsse zusammenhalten, sondern als eine Fläche gestaltet, auf der sich die volatilen Überlegungen des in sich Verweilenden nach allen Seiten hin verlieren, davon ziehen und für die Anderen daraufhin nicht mehr einsichtig sind. Oder mündet die Suche nach der Ursache für das absonderlich zusammengefügte Ideengespinst des Mannes in ein Hypogeum, wo tief in der Erde Platz für seltsame Gedanken ist, die das Tageslicht scheuen? Diese unterirdischen, versteckten Kammern gewähren Raum für seine Donquijoterien. Die unter dem Boden liegenden Verliesse und Gräber schützen die Menschheit und auch die Frau vor dessen irregeleiteten Vorstellungen, sofern er sein schräges Wissen dort unten verstaut. Doch tut er dies nicht. Vielmehr kramt er, ergibt sich die Gelegenheit oder ist er in die Enge getrieben und muss darum reagieren, in den diskreten und schamhaft gehegten Schatullen des geheimen Schattendenkens seiner rotierenden Schaffenszone. Im Untergrund spriesst manche intellektuelle Narretei. Eine solche hat sich in seinem Kopf breit gemacht und festgesetzt. Hat diese einmal das Tageslicht erblickt, löst diese bei jenen, die sie wahrnehmen, nur Kopfschütteln aus. Auch unter dem Bahnhof liegt vieles im Verborgenen. In jene Gänge, Kanäle, Röhren, Kammern und Keller gelangen nur jene, die über den Schlüssel verfügen, um in die eingegrabenen Gewölbe und Bauten vorzudringen und nach dem dahingeschwundenen Gut früherer Zeiten zu schauen. In den Erdkammern verbirgt sich eine Reserve an Ideen. Fast sieht es danach aus, als habe auch er, der vor dem Bahnhof Verweilende, in jenen Tiefen gegraben und gesucht, in welchen die entsorgten, überholten Weisheiten vor Zeiten verborgen wurden, damit sie dort verstauben und nicht weiterhin Verwirrung unter den Lebenden anrichten. Sie ahnt offenbar, wie diese Reserve an überlebten und darum dahin gezogenen Erkenntnissen, die tief im Erdreich des Vergessens vor sich her schlummern, sich in sein Inneres spiegeln. Analog versteigert er sich, starrend in die Tiefen des Bahnhofs, die sich mit den Mustern seiner fahrigen Kopfgeburten verbinden und solcherart die Bahn brechen für einen Gedankenfriedhof, den er in sich eingegraben hat. Diesen Anger beackert er ohne Unterlass mit den Werkzeugen seiner Narretei. Von der Existenz seines geheimen Betätigungsfeldes lässt er indes – so sein Bemühen – nichts nach Aussen verlauten, obwohl die totgelegten Erinnerungen und Eingebungen aus ihm, aus dem Untergrund, den Verliessen der eigenen Grübeleien doch an die Oberfläche dringen. Die Schattenwelt dient ihm als Angelpunkt, um oben, auf der Erde, der Ebene der Geleise, zu bestehen. Die Züge, die er beobachtet und die ihn zeichnen, den Ausdruck seines Denkens über die Gesichtshaut ziehen, tragen fahle Spuren, die nicht vom Tageslicht oder dem Schein von Lampen oder Laternen modelliert sind, sondern von unten an ihn heran getragen werden und seine Entscheide beeinflussen und gestalten. Er starrt hinüber zum Bahnhof und zaudert in seinen Reaktionen, geht nicht hin, wohin er blickt. Es scheint, dass die Tiefe, die in ihn steigt, seine Gewissheit stärkt, dass es noch nicht Zeit für den Aufbruch ist.

Die Frau beginnt die Hintergründe seiner Gedankenwelt aufzudecken und zu entkoppeln. Sie betrachtet ihn eindringlich. Er getraut sich nicht, den Schlüssel in die Hand zu nehmen, um die Kerker, in welche er sich verschliesst, zu öffnen und sein Selbst zu befreien. Niemand verbirgt besser als der Mensch, was in seinem Inneren geschieht. Den Schlüssel zu ergreifen hiesse, seinen festgefahrenen Gedanken die Stirn zu bieten und sich mit ihnen gewissenhaft auseinanderzusetzen mit der Gefahr, dass das eigene Selbst sich Zugang zu einer Büchse der Pandora mit unabsehbaren Folgen verschafft. Die Kaskade der unerwarteten Entdeckungen und hereinbrechenden Offenbarungen könnte den Suchenden zuschütten, so dass er daran erstickt. Manchmal bricht das Verborgene jedoch heraus und legt sich als Unverstandenes über ein Gespräch, das geführt wird oder eben nicht. Sie behält ihn im Auge. Er sieht, dass die Frau ihm ins Gesicht blickt. Was sie wohl von seinem Inneren und seinen Tiefen weiss? Was hat sie für Vorstellungen von dem, was sich auf dem Platz abspielt?

Was er nicht sieht und auch nicht weiss: Die Frau sieht klar. Schon mancher ging davon aus, dass er, wenn er sich in seine Eierschale zurückzieht, von den Einschätzungen der Anderen gefeit ist. Sie ist nicht gegen ihn eingestellt. Auf dem zum Bahnhof hin offenen, aber nicht weiten Gelände bedarf es keiner Fläche für ein Gegeneinander, bei dem die Menschen aneinander vorbeigehen und, wenn sich beim Kreuzen oder Überholen die Gelegenheit bietet, Teile voneinander stehlen, indem böse Worte geäussert werden, die andere verletzten und sie in ihrem programmierten Alltagsablauf stören, sodass die im öffentlich-gemeinschaftlichen Umfeld massgebenden Richtlinien als Leitlinien des gemeineigenen Zusammengehens in Unordnung geraten. Menschen, die nicht miteinander reden, wie all jene, die, ohne Zeit zu haben oder ihr Raum zu schenken, über den Bahnhofplatz und andere Flächen eilen und dabei vergessen, die lebenserhaltenden, sozialen Verbindungen zu den Anderen aufrecht zu erhalten, treten auf dem Gelände nicht vor Ort, sondern verschwinden schnell im Schlund des Tores.

Eines flachen Tellers, einer Schale, vielmehr eines Potts, gar eines Kelches, geeignet, die verschiedenen Elemente des wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, intellektuellen und politischen Miteinanders aufzunehmen, so dass der diskutierte Stoff das allgemeine Zusammenleben fördert und den davon Eilenden Einhalt gebietet, verlangt die stationäre Situation, in welcher die beiden gerade weilen. Ihrer beiden Sitzen entspricht im momentanen Zeitpunkt dem Beispiel der Leute, die vor ihnen aneinander vorbei gehen und sich nichts sagen. Desaströs, sagt er sich. Er verliert sich in Gedankengängen, ohne sich jedoch im Klaren darüber zu sein, ob diese nun oberirdisch oder unterirdisch verlaufen, und ohne überhaupt zu verstehen, in welche eigenen Abgründe er sich mit seinen auf den Bahnhof zentrierten Hirnereien manövriert und wohin die Ideen überhaupt streifen. Diese fahren ihn nicht in die Tiefen der Erde und dort versteckten Gewölbe, aber in die Tiefen seines Selbst. Er ist aufgewühlt. Dabei vermittelt der Platz in seiner offen Art, der abgesehen von einem einzigen Baum kein weiteres Hindernis enthält, eine unmissverständliche Botschaft: Alle sollen das Gebiet, ohne daran gehindert zu werden, ruhig passieren. Das unverbaute Gelände zeigt und erweist sich als transparent, aufnahmefreudig und durchlässig. Es hält niemanden auf und ist für die Passierenden somit ohne bleibende, tiefgreifende Bedeutung, entspricht, grobmaschig einem Sieb, das nichts zurückhält. In seinem Inneren verfängt sich jedoch jeder Gedanke und mündet in einen Gefühlsstau, der ihm das Denken blockiert und seine Träume und Ängste auf Abwege führt.

Ohne Bedeutung für alle anderen bleibt nach wie vor auch der von ihm formulierte Gedankenzug über den Zahlensprung in Computerprogrammen bei den beiden stecken, die sich die nebeneinander stehenden Tische teilen. Er richtet sich wieder auf. Sie beschliesst, auf seine strub-eigenartig ausgeführte Argumentation – sofern von einer solchen in dem Fall überhaupt gesprochen werden kann und beileibe mit einer solchen Aussage nicht des Lobes bereits zu viel getan ist, mangelt es doch der angeführten Überlegungen schlicht an den einfachsten, logisch zusammengesetzten Gedankensträngen – einzugehen. Sie sagt darum: «Ich habe noch nie ein Buch gesehen, das einen Buchstaben verliert. Dir fehlt ganz deutlich die Übersicht, über das, was du sagst, und Material, über das du reden kannst.» Sie ergänzt: «Ein Computerprogramm verrottet nicht wie ein morsches Stück Holz und aus den Büchern fällt auch kein Buchstabe heraus.»

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