Der Spieler

Nun nimmt neben dem ihn gehörig und immer von neuem, wiederholt drohenden Durchgang am Bahnhof ein Musiker Aufstellung. Des Allotrias soll nicht genug werden. Er erkennt den Gesellen. Dort steht ein Leiermann. Er ist wirklich aus seiner Zeit, denkt er über jenen Burschen. Kein Ton seines Spiels erreicht ihn im Lokal, als jener an seinem Instrument zu drehen beginnt, was er kann. Jener passt zu den Leuten, die durch das Tor hinaus und hinein gehen. Auch sie schweigen. Keiner mag ihn hören. Keiner sieht in an. Der Musikant kurbelt stoisch an seinem Instrument. Im Leben gibt es Momente, in denen jedes Reden nichts nützt. Also tun die Menschen, die das Tor nutzen, indem sie kein Wort verlieren, sondern handeln: Jener spielt, sie gehen und lassen ihn stehen mit seinen Klagen über den trauernden Lindenbaum, den Flüchtling, die enttäuschten Maiden und die gefrorenen Träume.

Auch er muss handeln. Nicht singen, aber etwas tun. Er klebt, leicht in sich gesunken, auf seinem Sitz fest und sinnt darüber nach, wie die Irrbilder einer sich wandelnden Materie und von brechendem Mauerwerk, die ihm zusetzen, begründet sein mögen. Ihm scheint es nicht gut zu gehen. Mangelt es ihm an Kraft. Ein Leben nutzt ab. Das kann nicht sein. Auch wenn er sitzt, fühlt er sich gut auf den Beinen. Schwach mag er sein, weil er länger an diesem Tisch verweilt, nicht aufsteht und vorwärts strebt. Aber in den Bereich eines Kadavers, den die Natur zersetzt und auf diese Weise dem gestaltenden Element Erde, Humus für neues Sein, zuführt, gehört er längst nicht. Er hat nicht den Eindruck, dass das Tor vor seinen Augen verschwimmt. Er betrachtet sich als gesundheitlich nicht beeinträchtigt. Sein Blick ist klar, unversehrt von irgendwelchen Störungen, die sein kognitives Nervensystem beeinflussen könnten. Er sitzt fest – auf dem Stuhl. Auch die Gedanken bewegen sich nicht. Sie führen ihn nicht weg von diesem Tor.

Eine Halluzination, sagt er sich, wird durch einen Mangel herbeigeführt. Er kennt die Geschichten über die Fata Morgana. Diese lichten Bilderscheinungen gehen auf eine physische Reaktion zurück, die durch die Hitze über den Wüsten erwirkt wird. Die Luftspiegelungen entstehen über grosse Distanzen hinweg. Er befindet sich zu nahe am Tor, um von diesem durch Scheinbilder genarrt zu werden. Für ein luftiges Spiel mangelt es im scharf gezeichneten, eingegrenzten Bereich des Lokals an Platz. In der Wüste, so weiss er, gibt es zudem eine andere Form der Sinnestäuschung. Der ungestillte Durst kann dazu führen, dass der Verdurstende Visionen entwickelt, die auf Hoffnung aufbauen und Bilder im Hirn entstehen lassen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen. Er sieht keine Kamelkarawane, die über die Fläche vor dem Bahnhof dahinzieht; noch macht er eine Wasserspiegelung auf dem Vorplatz des Bahnhofs aus, auch keine Ebene, die von gleissendem Wüstensand bedeckt ist. Auf dem Tisch steht ein Bier. Er ist kein Dürstender. An ungestilltem Durst liegt es nicht, dass er seltsame Betrachtungen über das Tor anstellt. Er behält dieses fest im Auge.

Was ist mit dem Hunger? Hat das Tor, das auf ihn einwirkt, das ihn ungeniert anzieht, gar martert, ihn derart von der Realität entfremdet, dass er nicht daran denkt, mit der Einnahme von etwas Speise, um so die Widerstandskraft des Körpers zu stärken, dem Bild entgegen zu wirken, das ihm mit den zersplitterten Steinen eine gefälschte Welt vorgaukelt? Er ist überzeugt: Wenn er etwas Festes zu sich nimmt, wird sich die unangenehme Stimulation, die von Seiten des Bahnhofs nach ihm greift, in Luft auflösen. Er würde mit einem Bissen im Mund zurück in die Wirklichkeit finden. Das Tor würde wieder zu einem ungebrochenen Stein werden.

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