
Holz ist das denkbar schlechteste Bild, das sie als Vergleich heranzieht, besteht doch der Bahnhof, vielmehr die Fassade, die er dem Platz zuwendet, aus Kunststoffen, Stein, Stahl und Glas. Er zögert in seiner Gesichtsmimik. Holz aber – möglicherweise liegt es in ihrer Absicht, von diesem zu sprechen, damit sie leichter die Nähe des Nachbarn findet – bildet doch Holz, um menschliche Nähe herbeizuführen, den geeigneteren Stoff als der kalte Beton, an dem jede Fremdeinwirkung abprallt, oder als das scharf schneidende und transparente Glas, das kein Signal auffängt, sondern dieses einfach durch sich hindurchdringen lässt.
Dem Holz hingegen wird die Eigenschaft nachgesagt, dass es seit Menschengedenken der humanen Spezies als treuer Begleiter zur Seite steht. Nicht nur Käfern dient es als Behausung. Auch der Mensch schätzt dieses natürliche, organisch gewachsene Material. Der Mensch hat sich stets mit Holz umgeben, sei dies im Wasser, wo er Holz zum Bau von Booten einsetzt, sei es als Haus, um sich vor den Wettern zu schützen. Für das Bett, als Begleiter durch die Nacht, bildet Holz den idealen Gefährten. Der Mensch nutzt dieses natürliche Material für unterschiedliche Möbelstücke und auch als Teil des Services während der Mahlzeiten, als Kelle, um die Suppe zu schöpfen, oder als Besteck, um den Salat zu kehren. Holz verzeichnet eine immunisierende, antiseptische und somit heilende Wirkung.
Der Tisch im Restaurant ist ebenfalls aus Holz gefertigt wie auch die beigefügten Stühle. Darum handelt die Frau nicht ungeschickt, wie sie für ihren Vergleich auf das Holz zugreift – wenn auch, so ihre ursprüngliche Ausdrucksweise im Beispiel, auf morsches Holz. Gleichwohl zeugt ihr Kunstgriff von einer bemerkenswerten Raffinesse. Ihr erscheint, das dürfte ihr bisher gültiger Eindruck sein, der Herr nebenan zunächst einmal als ein morsches Stück Holz, wie sie ihn, auf seinem Stuhl kauernd, betrachtet, was bei ihr zusätzlich den Eindruck erweckt, er verfüge über nicht mehr Standkraft als eben morsches Holz. Hegt sie die Absicht, in diesem herumzustochern, muss sie damit rechnen, dass der Mann wie abgestorbenes Holz auseinander bricht und zusammenfällt, wenn nicht sogar zerfällt und als ein geistiges Häufchen Holzmehl auf einem Stuhl zur Ruhe kommt, das ein Besen mit wenig Aufwand wegwischt oder ein Käfer auffrisst.
Holz aber, gesundes, verfügt über viel Kraft und wird als stabiles und praktisches Material geschätzt und gelangt in verschiedenen Bereichen zum Einsatz. Anders als der steinerne Sarkophag, der die Leiche im Diesseits behalten will, begleitet der Holzsarg den Toten hinüber, indem er sich gemeinsam mit der Leiche, eingegraben im Reich der Würmer, als willkommene Nahrung des alles verschlingenden Bodens zersetzt, oder im Krematorium gemeinsam mit dem Leichnam in ein graues Residuum, Asche genannt, verwandelt. Holz dient als Baumaterial für Schiffe, Dachstöcke, Karren aller Art und auch als Baustoff für schluchtenüberwindende Bauwerke. Als Brücke, so augenscheinlich die Vorgabe, auf welche die Frau hinarbeitet, soll das Holz nicht in der Form eines morschen Gestänges, als unsichere Stiege über Wasser führen oder, im vorliegenden Fall, sich als elegantes Gebilde über das vor ihnen liegende Feld zum Bahnhof schwingen, sondern als tragfähige Konstruktion ihrer beiden Kommunikation voran treiben. Als Graben taugt das Holz nicht. Es hat vielmehr als Kommunikationskoalition zum Ausbau des Gesprächs zu dienen. Ihrer beider Last muss dieses gräbenüberwindende, dem Dialog dienende Bauwerk tragen und so zur Förderung des reziproken miteinander Vertrautwerdens beitragen.
Sie strebt nicht an, mit dem Mann zu ihrer Seite, getrennt nur durch den Abstand zwischen zwei Tischen, eine Barke zu besteigen und ins Nirvana davon zu fahren. Ihre Brücke soll sie vielmehr in der Gegenrichtung mit Bodenhaftung auf sichere Basis bringen. Ihm gegenüber will sie nicht von einem Boot sprechen, das ihn über den Platz trägt, um den Menschen näher zu sein, die er derart aufmerksam und unverwandt anschaut und die ihn anscheinend in irgendeiner Form, wenn auch unbewusst, beschäftigen und belasten. Seine Wahrnehmung des Bahnhofplatzes ist offenbar eingeschränkt. Die Passierenden gehen und kommen. Aus deren an den Tag und auch in die Nacht gelegten Elan, aus ihrem Elend, augenscheinlich, konstruiert er ein Gebilde, das sie in seiner Gänze nicht durchschaut. Das antiquierte Wasserfahrzeug hätte ihn sicherlich erschreckt und im Bild, das er sich vom Platz vor den beiden macht, bestärkt, befände sich der Nachen unter den Leuten, deren Verhalten er für sich auf seine Weise interpretiert. Das Bild der Barke, nicht stabiler als eine venezianische Gondel oder eine Hochsee-Piroge, die über das Wasser streicht und auf dem Weg zu anderen Ufern kaum eine Spur hinterlässt, wenn sie allerlei Anorganisches und Organisches wie Leichen transferiert, entspricht einem Fahrzeug, das unsicher über das Wasser schwankt und, schlecht geführt, bei jedem grösseren Wellenschlag kentern kann und deswegen nicht für ihre Annäherung taugt. Die Brücke aus Holz dagegen ist fest gefügt und vermittelt das Gefühl von Sicherheit.
Für den Brückenschlag muss sie sich eine gute Idee einfallen lassen. Nicht, dass er wieder in sich zusammensackt und statt einer Brücke, über welche er zuversichtlich zu schreiten vermag, einer Aufrichte aus Holz bedarf, um sich daran hochzuziehen und in aufrechter Position zu halten – oder schlimmer noch: Stöcke, um sich beim Gehen auf diese zu stützen, oder gar Achselkrücken heranziehen muss, um sich zu behaupten, solche, die aus Holz gezimmert sind und bei der Fortbewegung den ganzen Körper tragen. Sein Tritt ist sicher, wenn auch bedächtig. Das weiss sie, hat sie ihn doch beobachtet, wie er in das Gasthaus kam. Sie sah ihn schon gehen, wie er gekommen war. Eines aufrechten Ganges bediente er sich, als er sich dem Tisch näherte, an dem er sich niederliess. Der Hilfe eines Stockes bedarf er nicht.
Die Stimme des Nachbarn holt die Frau in die Realität zurück. Holz, Stock und Brücke treten in den Hintergrund. «Nach dem Tor, dort, nachdem man hindurch gegangen ist, gibt es kein Entkommen. Alles muss durch.»
Jetzt hat sie eine aparte Antwort parat: «Nur bei dir klappt es nicht.»
«Was klappt nicht?»
«Du kommst nicht hindurch. Du kauerst hier, verpasst deinen Zug und drückst dich vor dem Hinüber.»
«Ich will nicht hinüber.»
Da sitzt also der Floh, der den Mann an seiner empfindlichsten Stelle, der Seele gestochen hat, diesem scheinbar unsterblichen Bestandteil des Individuums, das weitab von jeder Gewissheit als Augapfel des ewigen Lebens das Sehen in die Ewigkeit prädestiniert. Diese Denkfigur basiert auf Stolz, Eigennutz und Selbsterhalt und entspricht einem hübschen Gedankenzauber, dessen Struktur ohne Halt ist wie eine schlecht gebaute Brücke.
«Ich habe gesehen, dass etwas mit dir ist. Du siehst nicht gut aus. Du bist gezeichnet.»
«Wovon?»
«Von der Angst. Du verkehrst ein Empfinden um in eine Parade, die vor uns über diesen Platz zieht, so deine Meinung, und auf das Ende zugeht.»
Die lange Kolonne der Menschen, die den Platz überqueren, steuert, aus seiner Sicht, nach wie vor das Tor an. In einem steten Tempo gehen die Leute vorbei, ungeachtet des Feilschens an den beiden Tischen, einem Händeln mit faden Argumenten, das zwischen dem Herrn und der Frau eine Eintracht im Lauf der Diskussion herbeiführen soll. Die Angst, dass der nun für einmal wieder gefundene Faden erneut seiner Funktion beraubt wird, will heissen: reisst, treibt die Frau dazu an, zu sagen: «Sprich klar aus, was dich ängstigt. Dann können wir auch vernünftig darüber reden. Herumdrucksen drückt dich nur tiefer in dein Elend. Wenn du jetzt nicht sprichst, wirst du immer unklarer reden und kein Mensch wird mit der Zeit mehr verstehen, was du sagst und was dich bedrückt. Sprich!»
Der Aufforderung kommt er stockend nach: «Es gibt Leute, die nicht reisen. Ich will nicht reisen. Wer durch jenes Tor tritt, weiss, wohin es ihn führt. Auch ich weiss es. Ich will aber nicht dorthin. Es gibt kein Zurück. Der Weg, der Wegfall ist definitiv. Ich weil reisen, aber nicht in diese Richtung. Darum breche ich nicht auf, sondern habe für mich gewählt, dass ich hier sitze und mich nicht bewege. Hier droht mir keine Gefahr. Hier droht kein Zerfall. Das Tor kann mich nicht holen. Ich will leben. Ich will nicht sterben. Ich will nicht auseinander fallen. Ich bin kein verloren gegangenes Element. Ich bin kein ausrangiertes Buch. Ich bin kein verlorenes oder herausgerissenes Blatt. Ich bin kein umgesiedelter Mensch. Ich habe noch Zeit vor mir.»
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