Teil 4

„Die Flasche halbleer.“ – „Mehr dürfen wir nicht.“ – „Ausgetrunken ist für uns.“

(Auftritt Jorun und Josselin)

Jorun:       Erbrechtlich gesehen entspricht der Entscheid rechtlich gestatteten Handelns. In die Pflicht genommen, die auf Vernunft und Verantwortung baut, stellt sich jedoch die Frage, ob ein Erbe wirklich auf diese Weise veräussert werden darf.

Josselin:   Dürfen kann er schon. Das ist das Recht der freien Markwirtschaft. Wir sind aufgrund der Erbschaft, die im Grunde nichts anderes ist als eine generationenübergreifende Subvention, von der Lin profitiert, nichts anderes als ein von hohen Zuschüssen am Leben gehaltenes Unternehmen. Wir sind eine Firma, die am Tropf hängt; die sich als Selbstläufer gefallen kann, solange von der Erbsubvention noch etwas vorhanden ist. An Lins Sack hängen verschiedene Schicksale. Aufgrund des Geldes, meine ich, und nicht seiner Spermaplatzierungen. Uns nennt er seine Angestellten. Wir sorgen dafür, dass aus Lins Gedankengut, das von seiner Erbschaft getragen wird, irgendetwas Vernünftiges entsteht.

Jorun:       Wir sollen Senf und Seife als seine künstliche Seifenkiste voranbringen und das Geschäft, das er als sein Gefährt in die Abwässer steuert, als Kathedrale aufbauen. Diese soll hoch aufragen und über den Zenit, das das Top der Gesellschaft bildet, hinaus stechen.

Josselin:   Ja, nur, dass wir mit Senf und Seife nicht so weit hinaufsteigen können. Unsere Schuhe rutschen aus und brechen durch Seifenblasen hindurch, welche er uns immer setzt. Der Seifenschaum liefert zudem nicht genug Energie, um ein solch herkuleskes Bravourstück zu vollbringen.

Jorun:       Das Geld ist vorhanden und in der Not melden wir Konkurs an.

Josselin:   Bilanzmässig ist das alles in bester Ordnung.

Jorun:       Die Menschlichkeit bleibt auf dem Damm, wo sie von einem Zug überfahren wird.

Josselin:   Ach, arbeitslos. Die Arbeitslosenversicherung kommt für Senf und Seife auf. Das ist zwar harzig. Andersherum gesagt heisst das: Jene, die haben, sollen aufkommen für jene, die sollen.

Jorun:       Jene, die aus dem Arbeitssystem herausfallen, sind selber schuld und sollen nicht zulasten der Wirtschaft fallen.

Jorun:       Fallen! Was meinst du mit: Fallen? Du siehst das vollkommen defätistisch. Der Mensch muss einfach immer wieder aufstehen, wie viele Schläge er auch einsteckt. Einem geschlagenen Menschen wird eine Viertelstunde zugestanden, damit er sich vom Schlag erholt. Danach muss er sich ein weiteres Mal aufrichten und sich erneut ins System einfügen. Ansonsten fällt er raus.

Josselin:   Aber wir beide, wir bleiben doch noch etwas bei Senf und Seife.

Jorun:       Sicher, solange es noch etwas zu schröpfen gibt. Auch wenn wir am Zerstörungspotential, das Lin aufbaut, richtig zu leiden haben. Wir lassen uns aber unsere Nahrung nicht nehmen, solange sich noch etwas im Trog befindet. Wie lange wir hier was zu futtern kriegen, wissen wir beide nicht. Wir wissen nicht, wie lange die Erbschaft den Laden noch tragen wird. Solange das Geld fliesst, kann ich meine Runden am Stammtisch subventionieren. Dort singe ich aber nicht den Ruhm von Senf und Seife. Denn dessen müssen wir uns im Klaren sein: Ein System, das sich Gesellschaft oder Unternehmen nennt – beides ist vom gleichen Holz -, generiert Geld, damit der Mensch überhaupt überleben und, was wichtig ist, das Erstandene für weitere Unternehmungen einsetzen kann. Auf den einfachen Nenner gebracht heisst das: Wenn ich Geld verdiene, kann ich Ferien buchen, damit andere verdienen. Ferien aber nicht bei uns, denn Senf und Seife führt bekanntlich keine Ferien im Programm.

Josselin:   Wenn ich dir jetzt böse wollte, müsste ich vorschlagen, dass Senf und Seife das Angebot „wohlverdiente Muse“ in sein Sortiment aufnimmt.

Jorun:       Im Grund schon. Uns Angestellten würde es durchaus behagen, wenn auch wir dieses neue Produkt zu vorteilhaften Konditionen beziehen könnten. Das wäre ganz in meinem Sinn. Wenn wir mehr weg von dem Geschäft sein würden, dann würden wir beide dessen Unzulänglichkeiten nicht bemängeln. Das würde dem Selbstwertgefühl des Budgets bekommen.

Josselin:   Wir jammern jetzt, weil Choelia den Zuschlag bekommen hat.

Jorun:       In der Sache gibt es kein Gejammer. Der Sinn für Dynamik, den Lin mit seinem Entscheid unter Beweis stellt, bestätigt den Gedankengang, dass Ferien Vorrang haben, wenn es darum geht, wie Senf und Seife weiter in die Zukunft gehen soll, um zum Ziel des Subventionseinbruchs zu gelangen. Ich meine, wir zwei hören uns vorerst mal an, was die neue Geschäftsleitung uns anhaben will, bevor wir die letzte Strophe des Schwanengesangs anstimmen.

Josselin:   So ganz schlimm, wie du es schilderst, wird es schon nicht kommen. Wir haben hier schon so viele Seifenschwemmen überstanden.

Jorun:       Von der Pike an ins Poröse gestochen hat bisher unser kleines Unternehmen. Kein Wunder, dass hier nichts hält, sondern zerfällt wie Seifenschaum, aber ohne dessen reinigende Kraft.

Josselin:   Cans Nachfolgerin wird schon nicht die Putzfrau sein, die Kraft in den Laden bringt.

Jorun:       Als Raumpflegerin, die Raum macht für Neues, taugt sie etwa so viel wie ein Luftballon, aus welchem man die Luft abgelassen hat.

Josselin:   Nein, saubere Reinemache ist nicht zu befürchten.

Jorun:       Stimmt. Ein Seifensprung wird bei uns nicht stattfinden, auch wenn Lin etwas Luft aus seiner aufgeblähten Hirnblase ablässt. Es wird alles beim Alten bleiben und sich im Altern steigern.

Josselin:   Mal nicht den Senf an die Wand! Die Seife könnte ihn wegschmieren.

Jorun:       Eine saubere Wand eignet sich durchaus für einen Neuanfang – und könnte uns darum zuträglich sein. Auf dieser könnten wir unsere Vorschläge und Ideen pinseln und werfen, und sei dies auch nur in Form von roten Farbbeuteln. Deren knalliges Fluidum würde über die Wand fliessen und unsere kleine Hausgemeinschaft aufschrecken, so dass es zu einem plötzlichen und unerwarteten Schaffensschub käme. Die neue Geschäftsleitung kann die Wand dann gleich wieder weiss streichen und wir sinken zurück in unsere Apathie. Solches nennt sich bei Senf und Seife Unternehmensführung.

Josselin:   Was wir an der Wand und in den Gestellen haben, ist kein Marketenderprodukt, das sich zukunftsweisend an die Frau bringen lässt.

Jorun:       The Best of Senf und Seife schmückt noch keine Hitparade. Wir müssen, wenn wir es auf einen grünen Zweig bringen wollen, uns doch noch etwas einfallen lassen, dass uns bachauf bringt, sonst geht hier der ganze Bettel bald bachab.

Josselin:   Unsere neue Bachstelze wird aus dem Bewährten schöpfen und alles klare Wasser davon fliessen lassen mit all den Einsichten, die uns weiter bringen würden. Wie gehabt.

Jorun:       Nur nicht verzweifeln. Wenn wir in unserem Geschäft zu deutlich auf den Grund der Buchhaltung blicken, dann machen wir hier noch schneller dicht, als wir beide dies voraussagen. Wenn wir nicht hinsehen, hat dies den Vorteil, dass wir in dieser Einrichtung etwas länger überleben.

Josselin:   Choelia wird uns die Zeit mit ihrem neuen Logo verkürzen.

Jorun:       Es fragt sich nur, was du mit Verkürzen meinst.

Josselin:   Kürz deine Frage ab. Sie bringt uns weiter.

Jorun:       Soweit wollen wir hier gar nicht gehen! Wir bleiben realistisch. Wir orientieren uns an der Wirklichkeit, die auf uns zukommt. Choelia wird uns ein paar Windeier legen und diese ausbrüten wollen.

Josselin:   Wir sollten ihr einen Besen schenken. Sie würde es aber falsch verstehen und sofort damit anfangen, Staub aufzuwirbeln, statt sich selber damit aus dem Büro zu wischen.

Jorun:       Das braucht nicht getan zu werden. Sie wird Lin genug Besen aufgebunden haben, damit sie ihn, unseren lieben Chef, mit linker Hand als seine rechte Hand herzt.

Josselin:   Na, dann können wir gespannt darauf sein, auf welche Weise sie ihn herzen wird, so dass sie uns scherzt.

Jorun:       Arg wird es für uns nicht sein, aber für das Geschäft.

Josselin:   Das Geschäft sind wir.

Jorun:       Das Geschäft wird weiter laufen, auch wenn wir nicht mehr sind.

Josselin:   Da hast du völlig recht. Und es ist für uns zwei ein Grund mehr, dass wir uns für diesen Laden kein Bein mehr ausreissen. Wir leisten unseren Dienst nach Vorschrift.

Jorun:       Der ausgezahlte Lohn dient.

Josselin:   Das ist, kurz gesagt, die richtige Einstellung zu unserem Job.

Jorun:       Es ist eine brutale Erkenntnis: Sie trifft den Nagel freilich auf den Kopf.

Josselin:   Ganz richtig. Wenn das andere Geschäft mehr zahlt an Lohn und ich diesen akzeptiere, warum soll ich mich dann für Senf und Seife weiterhin einsetzen. Ich hätte fast gesagt: klug. Was heisst aber in diesem Zusammenhang: klug? Wenn ich mich hier verausgabe, werde ich dafür nicht belohnt. Der Status quo wird gefördert. Warum also auf den Profit des Geschäfts hinarbeiten? Wie gehabt, lebt es sich auch gut.

Jorun:       Volltreffer. Ich bin dafür, dass wir das Jammertal von Senf und Seife weiter mitmachen. Wir klotzen den Zapfen weiterhin mit ab und springen dann rechtzeitig ab.

Josselin:   Darüber sind wir uns alle, ausser Choelia, längst einig. Das Reden darüber wirkt in unserem Geschäft mit der fortschreitenden Zeit gleichwohl immer mehr langweilig. Die Zeit ist langsam reif dafür, dass irgendjemand verantwortungsvoll leitend das Szepter ergreift. Doch niemand greift nach dieser Herausforderung.

Jorun:       Sicher, das würde unsere ewig gleichen Gespräche um ein Drittel auf zwei Drittel unserer Arbeitszeit verkürzen.

Josselin:   Wie wollen wir das gewonnene Drittel für uns fruchtbar machen?

Jorun:       Ein weiterer Charakterkopf genügt, um dieses dritte Drittel wieder zu füllen. Die nächste Person, die in diesen Raum tritt, vervollständigt die Dreiheiligkeit, die wir uns wünschen. Wir sind dann wieder ganz uns selbst und auf der Höhe unseres Schneids.

Josselin:   Nach Lins Entscheid sieht es jedoch ganz danach aus, als würden unser lieben Mitangestellten, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wobei wir von Letzteren die Einzigen sind, schmollen. Ausdruck davon ist ihre Präsenz, die sie uns vorenthalten.

Jorun:       Ich habe das Gefühl, dass wir bald mit dem Eintreffen Choelias rechnen können. Sie wird ihren Einstand beweisen müssen.

Josselin:   An der Tür geht was.

(Auftritt Lin und Lauren.)

Lin:          Auch dir möchte ich Verantwortung übertragen.

Lauren:    Wie soll das geschehen?

Lin:          Falls Choelia nicht da ist, braucht sie natürlich eine Vertreterin. Die Stelle schaffe ich und erkläre dich hiermit zu ihrer Stellvertreterin, sofern du damit einverstanden bist.

Jorun:       (Im Hintergrund) Lin tritt unköniglich auf. Als König benötigt er das Einverständnis Laurens nicht.

Josselin:   Er gehabt sich aber als König, auch wenn er wie ein billiger Emporkömmling daher kommt und dabei als Steighilfen lediglich Krücken eines Königs unter die Schultern schiebt.

Lauren:    Machst du keine Ausschreibung.

Lin:          Ich habe Vertrauen zu dir.

Lauren:    Mir liegt selbstverständlich daran, dass es Senf und Seife gut geht und das Geschäft blüht. Ich werde also nicht darum herum kommen, das Angebot anzunehmen, dies in der festen Absicht, dass mein Einsatz zum Vorteil unseres Geschäfts gerät.

Lin:          Ich schätze deine Dienstbereitschaft und werde sie honorieren. Ach, Josselin und Jorun sind bereits hier. Wir sind fast vollzählig und können somit die wichtigsten Geschäfte angehen.

Jorun:       Hallo, ihr beide. Das mit dem Angehen muss noch ausstehen, solange Choelia nicht da ist.

Lin:          Das ist gut beobachtet und Lauren ist ihre Stellvertreterin, wie ich beim Hereinkommen gesagt habe. Aber solange Choelia nicht da ist und klar ist, ob sie heute ihre Funktion wahrnimmt, kann Lauren als ihre Stellvertreterin nicht aktiv werden.

Jorun:       Das ist ein gutes Signal. Es fallen Entscheide. Das wir das Geschäft vorwärts bringen.

(Vania Auftritt)

Vania:      Wir sind fast vollzählig. Zwar keinen Personalzuwachs. Lediglich die Hierarchie hat geändert. Das wird zu Änderungen führen.

Lin:          Natürlich. Es wird zu grundsätzlichen Gesprächen darüber kommen, wie sich Senf und Seife für die Zukunft positionieren soll, damit es Bestand hat im Wirtschaftssektor, der stark umkämpft ist – und in welchem wir uns behaupten müssen, wenn Senf und Seife überleben will. Auch ich möchte, dass unser Geschäft prosperiert. Das ist aber nicht möglich, solange meine direkte Stellvertreterin nicht zugegen ist. Ich gehe davon aus, dass es nicht lange dauern wird, bis sie hier ist.

Jorun:       Ist Not am Brimborium? Müssen wir auf unserem Ozeandampfer die Rettungsboote ausfahren?

Lin:          Nichts davon. Choelia wird gleich eintreffen.

Jorun:       Und den Dampfer vor dem Sinken bewahren.

(Choelia tritt auf)

Jorun:       Ihr Auftritt bewahrt dich, Lin, von einer Antwort.

Lin:          Ich denke, wir gehen gleich zum Geschäftlichen über.

Choelia:   Ich muss mich noch einrichten. (Geht nach hinten und kommt bald wieder.)

Lin:          Das darf aber nicht zu lange dauern. Wir wollen vorwärts machen.

Choelia:   Ich werde mich beeilen.

Lin:          Tu das.

Jorun:       Sie tut das. Unterdessen: Wir können wir uns bereits des herausragendsten Anliegens annehmen? Lin, wie heisst es?

Lin:          Kluge Frage. Vania, kannst du die Frage ausformulieren?

Vania:      Ich habe keine Ahnung, worum es geht.

Lin:          Ich dachte, du könntest es für mich auf den Punkt bringen.

Vania:      Was ich nicht weiss, kann ich auch nicht in Worte fassen.

Lin:          Das verstehe ich. Ich muss mit den Absurditäten dieser Welt leben und ein Geschäft auf den Beinen halten.

Jorun:       Das Geld hast du in der Tasche. Du musst es nur herausnehmen. Du musst dich aber beeilen, denn dein Reichtum gleicht einem Gletscher, der aufgrund des Klimawandels sehr schnell dahin schmilzt.

Lin:          Das genau ist der Grund, warum wir über die Bücher gehen und nach neuen Anstössen für die Zukunft von Senf und Seife suchen müssen. Jorun, du, der Sachverwalter unserer Geldflüsse, du bist die treibende Kraft, die verhindert, dass mein Vermögen kraftlos dahin schmilzt, ohne dass es eine Spur hinterlässt.

Lauren:    Konstruktive Ideen sind vorhanden.

Lin:          Na, dann wollen wir uns gleich an die Arbeit machen. Wer hat Vorschläge? Wer will sie einbringen?

Jorun:       Die Kuhhaut ist einmal mehr ausgelegt. Das Material kann auf ihr abgelegt werden. Die Würfel sollen das Los ziehen über das, was wir als unsere Zukunft ausersehen wollen. Das Schicksal wird das Urteil verkünden.

Lin:          Das war der Einstieg. Jetzt geht es ans Eingemachte.

Josselin:   Wir führen weder Senf noch Seife in Einmachgläsern.

Lin:          Glas wollen wir in unserem Sortiment nicht auch noch aufführen. Ich bin der Meinung, dass wir jetzt unsere Schätze auspacken und sie vor uns, wie Jorun sagte, auf der Kuhhaut ausbreiten. – Ihr schweigt. – Wer macht den Anfang? – Josselin, du scheinst dich zu räuspern. Ich überlasse dir das Wort.

Josselin:   Nun, ich wiederhole mich zum x-ten Mal: Es ist allgemein bekannt, dass es mit diesem verflixten Senf und Seife nicht zum Besten steht. Stagnation heisst das Stichwort, positiv ausgedrückt. In der Sache bist du, Lin, sogar mit mir einig. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um das Steuer herum zu reissen. Ich sehe zwei: Wir bieten weiterhin das Produkt Senf und Seife an. Eine Verbesserungsvariante besteht darin, dass wir die Produktevariante aufstocken.

Choelia:   Wir könnten damit beginnen, Rhabarber zu verkaufen.

Jorun:       Ja, die kommt hinzu zu Raupenzucht und Seidenverkauf.

Lin:          Josselin hat das Wort.

Josselin:   Ich kann nicht nachvollziehen, wie du ausgerechnet auf Rhabarber zu sprechen kommst. Es wird den Grund haben, den du kennst. Dein Vorschlag für das Angebot der Palette unseres Angebots könnte durchaus dazu taugen, unser Geschäft zu revitalisieren. Wir müssen allerdings schon ein Produkt finden, das sich gut in das Angebot des bestehenden Produktesatzes einfügt und Senf und Seife nicht verdrängt. Die drei Produkte müssen eine Einheit bilden, sonst gerät das Angebot, die Etikette des Hauses, die Corporate Identity aus der Balance und deine Modernisierung des Briefkopfes fällt aus dem Lot. Eine uneinheitliche Dreiheit verträgt sich nicht mir der Seriosität von Senf und Seife.

Jorun:       Auch ich warne vor einer divergenten Entwicklung. Eine verkrümelnde Divine Trinity verwirrt die Leute, unsere Kundschaft, noch mehr, als es bisher der Fall ist. Darum: Würden wir uns auf diesen Vorschlag einigen, dann müssten wir dieses Produkt ganz genau bestimmen.

Lauren:    Noch mehr Fehler als bisher dürfen wir uns in unserem Niedergang nicht leisten.

Jorun:       Welchen deiner wiederholten Vorschläge willst du uns heute zur geistigen Speisungen auftischen?

Josselin.   Wir belassen unser Angebot bei dem, was wir haben.

Vania:      Aber, jetzt kommt das grosse Aber!

Josselin:   Mit dem Verkauf der bereits bestehenden beiden Produkte klappt es nicht so recht.

Lin:          Das ist uns allen gleich bewusst.

Jorun:       Wir sitzen in unserem Büro und verkaufen die Produkte, indem wir uns gegenseitig auf die Füsse stehen.

Lauren:    Stimmt.

Vania:      Ich habe oftmals das Gefühl, dass wir hier alle in einer Verwaltung sitzen und niemand produziert mehr etwas, die Sitzungsprotokolle ausgenommen.

Choelia:   Protokolle braucht das Geschäft. Sonst verliert sich die Übersicht.

Vania:      Niemand liest Protokolle.

Jorun:       Sie sind eine Produktion für den Staub.

Josselin:   Ich führe meinen Vorschlag weiter aus.

Jorun:       Wir sitzen brav.

Vania:      Wir müssen hinaus unter die Leute. Aber nicht wir.

Choelia:   Für mich tönt das nicht durchdacht. Wenn nicht wir, wer dann?

Josselin:   Wir bauen ein Netzwerk von Verkäufern auf.

Choelia:   Das haben wir schon mal gehört. Es ist kein Fortschritt in deinem Denken.

Jorun:       Wir investieren.

Choelia:   Um das Verkaufsnetz aufzubauen, braucht es Energie.

Jorun:       Diese muss generiert werden. Anders geht es nicht.

Josselin:   Ich wiederhole mich: Die Verkäuferinnen und Verkäufer müssen selbstverständlich am Gewinn beteiligt werden, den sie für uns erwirtschaften.

Choelia:   Auch wenn ich es zum zweiten Mal höre, so tönt es für mich immer noch nebelhaft.

Jorun:       Der Vorschlag baut auf einem bekannten und bewährten Modell auf.

Choelia:   Zu viel Aufwand.

Jorun:       Hier müssen die Vorschläge gebetsmühlenartig wiederholt werden.

Choelia:   Wenn wir euer Ansinnen umsetzen wollten, würde dies nur zu einer sinnlosen und kräfteraubenden Plackerei führen.

Jorun:       Die Gebetsmühlen schlagen den Wind vor Ort und bewegen sich nicht fort.

Josselin:   Von einem derartigen System profitieren wir alle.

Jorun:       Es macht unsere beiden Produkte allgemein bekannt.

Josselin:   Der Absatz wächst.

Jorun:       Der Gewinn mehrt sich.

Josselin:   Wir können unsere Investitionen steigern, das Netzwerk vergrössern und auf diese Weise den Verkauf fördern.

Jorun:       Es spricht für sich, dass wir genau beobachten und kontrollieren, was sich auf dem Absatzmarkt tut.

Josselin:   Niemand darf uns über den Tisch ziehen.

Jorun:       Keine Aussendienstangestellte und kein Aussendienstangestellter.

Josselin:   Kontrolle ist unabdingbar.

Jorun:       Das erfordert von unserer Seite natürlich Einsatz, einen gehörigen Einsatz. Aber: Dieser bringt uns vorwärts.

Choelia:   Das tönt immer noch reichlich verschwommen und nach viel Arbeit.

Lin:          Josselin, das sind zwei interessante und bemerkenswerte Vorschläge. Willst du noch etwas hinzufügen.

Josselin:   Ich gehe davon aus, dass ich mich klar ausgedrückt habe.

Lin:          Du hast dich klar und verständlich ausgedrückt. Gibt es noch andere Vorschläge?

Choelia:   Mir schwebt etwas ganz anderes vor, das uns in die Zukunft bringen soll.

Lin:          Was schlägst du vor?

Choelia:   Ich bin absolut der Meinung – und das ist eine professionelle Einsicht, dass wir unseren Auftritt verbessern müssen und das nicht mit so aufwändigen Sachen wie jenen, die Josselin vorgeschlagen hat. Denn ein solcher Einsatz würde unsere Möglichkeiten übersteigen und uns unserer Kräfte berauben. Wir müssen ins Detail gehen und dort mit der Modernisierung beginnen.

Lin:          Ich verstehe nicht ganz.

Choelia:   Nun, ich bin der Auffassung, wir müssen ins Detail gehen und beispielsweise auf die Positionierung unseres Logo in unserem Angebot besser achten. Es muss vor allem schön platziert werden.

Jorun:       Wo willst du es überall anbringen?

Choelia:   Dort, wo sie sind, denn ich habe den Ort bestimmt.

Jorun:       Was ist das Neue an deinem Vorschlag?

Choelia:   Die Sorgfalt und das Schöne.

Vania:      Und damit soll sich unsere Situation verbessern?

Choelia:   Das Erscheinungsbild von Senf und Seife muss gepflegt werden, und zwar ausführlich.

Jorun:       Bei dem Vorschlag handelt es sich um einen ganz guten Ansatz für die Verbesserung der Bilanz von Senf und Seife. Kannst du etwas ausführlicher beschreiben, was du anstrebst?

Choelia:   Ich denke, unser Logo muss schöner werden, mehr Ausdruck erhalten, und auch der Schriftzug Senf und Seife muss eine Aufwertung erhalten. Diese Neuerungen werden unsere Kunden als Einkäufer ansprechen und die Verkaufszahlen erhöhen.

Lauren:    Das Logo verbessern?

Josselin:   Verkaufszahlen erhöhen?

Vania:      Mehr Ausdruck erhalten?

Jorun:       Das sind wertvolle Gedanken. Da darf man nicht spotten. Du hast dich, wie wir anerkennend bemerken, vertieft mit dem Vorschlag, der dir so sehr am Herzen liegt, auseinandergesetzt und willst uns nun deine ausgereiften Resultate vorstellen.

Choelia:   Ich denke, wir könnten den Schriftzug Senf und Seife modernisieren.

Lauren:    Was willst du auf diese Weise zum Ausdruck bringen?

Choelia:   Ich habe überlegt, dass wir die Form der Buchstaben in unserem Logo Senf und Seife etwas ändern, damit es professioneller aussieht.

Josselin:   Was soll das heissen?

Choelia:   Wie ich sage: Irgendetwas ändern, modernisieren.

Jorun:       Du willst uns demnach sagen, künftig soll Senf und Seife statt mit ‚e‘ mit ‚ä‘ geschrieben werden.

Choelia:   Du sagst es, mein Vorschlag kommt bei dir an. Das wäre eine Möglichkeit. Die neue Schreibweise würde auffallen und sicherlich Kunden anziehen.

Josselin:   Du bist verrückt.

Choelia:   Ich wurde zur Nachfolgerin Cans ernannt.

Josselin:   Can konnte etwas. Du kannst nichts.

Jorun:       Du schlägst also vor, dass sich in Zukunft Senf und Seife nicht mehr knapp und kurz Senf und Seife nennt, sondern so etwas wie S-a-e-n-f und S-a-i-f-e oder wie dieses Unding sonstwie auszusprechen ist? Die genaue Betonung ist eine weitere Frage, die noch offen ist.

Choelia:   Ja, ungefähr in diese Richtung stelle ich mir die Neuerung vor.

Josselin:   Das ist Buchstabenakrobatik. Mehr steckt nicht dahinter. Um eine kaufmännische Glanzidee handelt es sich nicht – nach wie vor nicht, das mit deiner Briefkopferneuerung.

Choelia:   Wir können es auf einen Versuch ankommen lassen.

Jorun:       Ich wage gewisse Bedenken anzumelden. Wenn ich mir vorstelle, dass ich Saife, nun gedehnt oder auch nicht, mit einem A, das ich aus dem hinteren Kehlkopfbereich durch den Rachen nach Aussen pressen muss und mir dabei fast den Hals abwürge, dann stelle ich mir vor, wie sich unsere Kundschaft auf der Strasse nach unserem Laden kundig macht. Aufgrund dieser Vorstellung in meinem Hinterkopf wage ich zu behaupten, dass wegen der genannten Kehlkopfverdrehung unsere Kundinnen und Kunden, potentielle oder Stamm, weniger den Weg in unser Geschäft finden werden, als vielmehr zu einem Arzt, der sie aus der Flaschenzieherlage in ihrem Hals befreit.

Choelia:   Ich meine, dass ich als Stellvertreterin Lins einen solchen Vorschlag durchaus anbringen kann.

Lauren:    Wohin geht Senf und Seife? Wohin zielt dein Vorschlag?

Choelia:   Mein Argument lautet: Ich bin die Stellvertreterin Lins und ich weiss, was ich sage. Es ist professionell. Das genügt.

Josselin:   Nur: Eine kurze Analyse deines Vorschlags ergibt folgendes Resultat: Mit grösstem Aufwand willst du so wenig wie nur möglich erreichen.

Choelia:   Wie meinst du das?

Lauren:    Stimmt, Choelia, dein Vorschlag ist finanziell nicht haltbar. Wir müssten sämtliche bisher nicht verwendeten Packungen, welche unser Logo tragen – und das sind viele – ersetzen und ebenso das Briefmaterial. Auch unsere Homepage muss angepasst werden. Das geht in die Kosten. Unser aktuelles Logo ist meiner Meinung nach gar nicht so schlecht, wie du es haben möchtest, damit dein Vorschlag überhaupt Geltung haben kann.

Vania:      Dein Vorschlag, Choelia, führt zudem dazu, dass wir jetzt über dich reden, statt über die Zukunft von Senf und Seife. Das bedeutet, dass er nicht mehr ist als ein Furz.

Choelia:   Ich bin dennoch der Auffassung, dass er bringt, was er verspricht.

Jorun:       Nämlich nichts.

Choelia:   Ich gehe noch weiter. Ich habe weiter vorgedacht. Ich denke, ich erstelle aufgrund meines Wissens und meiner Kompetenzen als Stellvertreterin Lins ein Regelwerk auf, in welchem ich festsetze, wie das Logo neu gesetzt wird und wie die neue Schreibweise, Majuskel oder Minuskel, von Sänf und Saife in unsere Produktion integriert wird. Das ist mein Vorschlag.

Jorun:       Das mit dem Regelwerk ist eine grosse Sache. Wird es auch Auswirkungen darauf haben, wie unsere aktuelle und künftige Kundschaft, die dann hoffentlich gewachsen ist und nicht einfach unsere alte ersetzt, mit uns Angestellten von Senf und Seife umgehen soll? Wenn unsere Kunden und Kundinnen sich künftig mit dem neuen, schönen Logo und der Schrift- und Schreibweise des Namens des Geschäfts herumschlagen müssen, könnte dies dazu führen, dass sie aufgrund der neuen Herausforderung, die wir ihnen geben, leicht überfordert werden.

Choelia:   Das ist kein Problem. Wir alle kennen das Prinzip der Löschtaste. Damit lässt sich die Mehrarbeit verringern.

Josselin:   Hoffentlich wirst du mit deiner Löschtaste nicht aus Versehen oder mit Absicht Bestellungen tilgen.

Choelia:   Den Fehler kann der Kunde mit einer Nachbestellung korrigieren.

Vania:      Du bist völlig bescheuert.

Choelia:   Das ist die Zukunft unseres Geschäfts und das sage ich aufgrund der Autorität, die mir neu zugesprochen worden ist.

Jorun:       Der Vorschlag ist Whiskygeboren. Dort oben steht die Flasche.

Choelia:   Ich habe nichts damit zu tun.

Jorun:       Das wissen wir alle und die Bestätigung schickst du uns postwendend. Du bist auf einmal rot wie ein Erdbeerfloh, müsstest aber gelb sein wie eine Whiskyoase, wenn du dir selber glauben würdest.

Choelia:   Ich geniesse das Vertrauen Lins.

Vania:      Und darum stellst du uns einen derart dummen Vorschlag wie diese Logoschrift-Veränderung vor.

Choelia:   So etwas nennt sich Corporate Identity, wie ich bereits betonte.

Jorun:       So etwas nennt man eine Todesspritze, die in unser Geschäft eingeführt wird. Wir müssen verkaufen und nicht Kleinkunst betreiben. Das, was du vorschlägst, ist abgeschmackt und wirkt, als ob es aus einer Schmierenkomödie abgeguckt worden wäre.

Choelia:   Es sieht aber gut aus.

Lauren:    Gut sieht es aber nicht für das Geschäft aus. Wir brauchen vernünftige Ideen und diese mache ich bei den Vorschlägen Josselins aus.

Choelia:   Ich habe einen Kurs besucht und weiss darum, was ein anständiges Logo bedeutet.

Jorun;       Sicher. Einen Kurs, der von der Farbstiftindustrie subventioniert wurde.

Josselin:   Wir müssen mehr verkaufen und nicht unsere Kräfte an dein neues Logo binden, sodass sie uns nicht mehr zur Verfügung stehen, um das Ausbluten von Senf und Seife zu verhindern. Unser Geschäftssinn muss sich nach Angebot und Nachfrage richten und nicht Bildchen huldigen, die du uns als Logo verkaufen willst. In deinen Vorschlag für ein Verlustgeschäft darf Senf und Seife nicht einsteigen. Wenn unser Angebot nicht stimmt, dann hilft auch kein Logo darüber hinweg. Wie schön es auch ausgemalt ist. Es lupft uns nicht in die Zukunft.

Choelia    Ihr redet alle so komplex und unübersichtlich daher. Wie sollen wir da die Übersicht bewahren?

Jorun:       Ja, die Übersicht! Die hattest du noch nie. Die Krähen krächzen diese Wahrheit von den Dächern. Du stellst dich aber wie eine Taube auf, die für die Realität taub ist und darum immer an jenen Ort zurückkehrt, wo sie geplagt wird. Schöne Bildchen bringen uns nicht weiter. Es muss etwas Handfesteres sein.

Josselin:   Wir müssen die Lage von Senf und Seife wirklich ernst nehmen. Wir haben zwei Produkte. Die Ware ist den Preis wert, den unsere Kunden bereit sind zu zahlen. Und einige unserer Kunden haben das Gefühl, sie würden zu viel zahlen. Das muss uns zu denken geben, auch wenn es zu den Prinzipien gewisser Kunden gehört, dass sie ständig über die Ausgaben, die sie tätigen, jammern, wie es zum Anbieter gehört, dass er das Gefühl hat, er verlange zu wenig für seine Ware. Im Grunde gilt es, beim Preis das richtige Mass zu finden. Wir sind uns indes alle schon seit geraumer Zeit einig, dass die Waage auf unserer Seite höher hängt, als sie sollte. Unser Geschäft zieht uns in die Tiefe, den Untergang. Das Geschäft wird uns zur Last. Das Logo wird uns nicht zurück auf den Boden wirtschaftlicher Wirklichkeit führen, will heissen, in die waagrechte Position der Waage, wobei unser Teller, die Kosten, aktuell deutlich tiefer hängt als sein Gegenüber, der Gewinn. Dieser ist nicht einmal mässig klein. Er taugt in keiner Weise als Gegenwicht zu den Ausgaben. Was aber unabdingbar für erfolgreiches Wirtschaften ist.

Lauren:    Der Wert unserer Produkte kann durch eine gut platzierte Werbung gesteigert werden.

Choelia:   Ich meine, mein Vorschlag ist besser: Ein schönes Logo auf unserem Briefpapier öffnet die Herzen.

Jorun:       Aus unserer Seife, das schlage nun ich vor, würde ich das Sulfat entfernen. Das ergäbe sicher ein noch besseres Produkt, als wir es bisher im Angebot haben. Dieses würde gewiss Choelias Wünschen für eine prosperierende Zukunft völlig entsprechen. Eine schöne Seife und Senf, aus welchem wir das Elixier des Senfkorns heraus gelöst haben, würden Choelias Werbeplattform mit dem bezeichnenden Namen ‚Logo‘ in dessen Vollkommenheit restlos entsprechen. Diese neuen Produkte liessen sich bestimmt besser vertreiben als das bisherige Zeugs, das wir als vollwertiges Handelsgut anbieten. Ich meine selbstverständlich nicht: die Kundinnen und Kunden vertreiben, sondern das Vertreiben unseres Sortiments gemäss gut kaufmännischer Sitte. Mein Vorschlag lautet darum: verkaufen und nicht logoisieren.

Josselin:   Wir brauchen solide Produkte, die sich an den Mann bringen lassen.

Choelia:   Das neue Logo wird schön werden. Ich muss es nur noch ausgestalten.

Lin:          Wie ich sehe: Die Meinungen sind gemacht. Das heisst. Ich muss entscheiden. Ich habe mir das Gespräch genau und aufmerksam angehört und komme zum Schluss: Ich gebe Choelia den Vorteil.

(Alle ab – ausser Choelia.)

Choelia:   Meine Freundinnen, kommt herein! Das ist mein neues Reich!

(Auftritt der beiden Freundinnen.)

Freundin 1:     Ich hab es gesehen: Du hast deine langgezackten Zähne gezeigt!

Freundin 2:     Ausgefahren hat Choelia ihre Lieblichkeit.

Freundin 1:     Mit ihren Zähnen teilt sie effektvoll nach allen Seiten aus!

Freundin 2:     Sie verbreitet wirksam ihre Sanftmut um sich.

Choelia:   Nein, das bin nicht ich. Setzt euch zu mir und schweigt. Hier habe ich mich durchgesetzt. Ich habe das Feld besetzt.

Freundin 1:     Das ist gut. Du bist stark. Das Vorbild aller Frauen, das bist du.

Freundin 2:     Du bist schwach. Lässt dich missbrauchen, weil du eine Frau bist.

Choelia:   Meine lieben Freundinnen, ihr seht das viel zu schwarz. Dem ist nicht so. Eine neue Welt geht für mich auf. Ich spüre Tatendrang in meinen Busen.

Freundin 1;     Du hast deren zwei. Ich rate dir: Spiele sie nicht gegeneinander aus, so dass sie dich bremsen.

Freundin 2:     Ich rate dir: Hör nicht auf sie! Ich sichere dein Überleben.

Choelia:   Ihr beide seid mir heute keine grosse Hilfe.

Freundin 1:     Ich weise dir den Weg, den du gehen musst.

Freundin 2.     Ich warne dich: Du muss dich etwas zurücknehmen.

Freundin 1:     Nein! Du bist auf dem richtigen Weg! Du gewinnst!

Freundin 2:     Es schwebt doch eine gewissen Unsicherheit in allem, was geschehen ist.

Freundin 1:     Nur zu!

Freundin 2:     Es ging nicht ganz mit rechten Dingen zu.

Choelia:   Damit muss ich fertig werden. Wie tragfähig mein Vorschlag für die Zukunft von Senf und Seife ist, weiss ich nicht. Lin wird wissen, warum er sich auf meine Seite gestellt hat.

Freundin 1:     Ich bin auf deiner Seite.

Freundin 2:     Lin wird dich grillieren.

Freundin 1:     Du wirst gewinnen.

Freundin 2:     Pass auf.

Freundin 1;     Nur vorwärts!

Freundin 2:     Deine Autorität hängt an einem Faden.

Choelia:   Die Freude, über allem und allen zu stehen, ist alles. Ich, ich bin eine Herrscherin,

Freundin 1:     Gut sagst du das!

Choelia:   Ich bin ich. Das müsst ihr mir gutrechnen. Rechnen ist nicht meine Stärke, aber verrechnet habe ich mich nicht. Ich bin eine Köchin, eine gute. Meine neue Situation habe ich gut ausgekocht. Mir ist es gelungen, Cans Nachfolge anzutreten. Mir!

Freundin 1:     Du musst in das Gericht noch etwas Pfeffer schmeissen, es schärfen. Dann stichst du auch Lin aus.

Freundin 2:     Lin ist auf deiner Seite. Tritt ihm nicht ins Bein!

Choelia:   Mit ihm halte ich mich gut.

Freundin 2:     Auch wenn du nicht weisst, was er wirklich von dir will!

Freundin 1:     Er hat mit dir Grosses vor.

Choelia:   Er wird meinen Aufstieg sichern. An ihm halte ich mich.

Freundin 1:     Du musst dich an Lins Erbe gütlich tun, solange es besteht.

Freundin 2:     Senf und Seife darf nicht untergehen.

Freundin 1:     Senf und Seife muss verkauft werden, damit Geld für dich hereinfliesst.

Freundin 2:     Senf und Seife fressen Lins Erbe auf.

Freundin 1:     Darum! Solange Lins Geld reicht! Mach vorwärts mit dem neuen Logo!

Choelia:   So weit in die Zukunft müsst ihr nicht blicken. Zunächst gratuliert ihr mir dafür, dass ich den neuen Posten ergattert habe – oder vielmehr: erhalten habe.

Freundin 1:     Ohne Whisky wär’s nicht gelungen. Wir haben dich gut beraten.

Freundin 2:     Es bleibt ein Nachgeschmack.

Freundin 1:     Du hast gut gewählt.

Freundin 2:     Ich bin immer noch der Meinung, dass der Einsatz der Flasche nicht nötig war.

Choelia:   Diese Flasche will ich vorerst vergessen.

Freundin 1:     Niemand kann dir etwas beweisen.

Freundin 2:     Das Theaterstück

Freundin 1:     Ein schlechter Scherz.

Freundin 2:     Eine Last.

Freundin 1:     Viel Worte, wenig Geschmack.

Freundin 2:     Ich hoffe, das Stück hat keine Nachwirkung.

Choelia:   Ich werde diese wegbefehlen!

Freundin 1:     Du hast die Macht, dazu auch den Willen!

Freundin 2:     Was in der Vergangenheit geschah, lässt sich nicht wegbefehlen.

Choelia:   Ich werde von anderem reden. Das Logo in den Vordergrund schieben. Die Gespräche umlenken. Auf Senf und Seife zuführen und auf das neue Logo. Das wird alle, die nicht meiner Ansicht sind, in Rage bringen und sie werden nicht mehr an Whisky denken.

Freundin 1:     Du bist klug und weise. Wer wütend ist, führt kein Schiff. Wenn sie nicht parieren, hau ihnen mit der Whiskyflasche auf den Kopf. Das wird ihnen den Wind aus den Segeln nehmen.

Freundin 2:     Mit Streit kommst du nicht weit. Du musst mit ihnen sein und verzeihen. Füge Senf und Seife Honig bei.

Choelia:   Ach, ihr beide, mit eurem Whisky und Honig. Ich halte mich am Logo. Mit diesem kann ich den ganzen Laden kontrollieren. Ich muss nur immer eifrig auf die Bedeutung des Logos, mich, zurückkommen. Das mit Nachdruck und Überzeugung. So beherrsche ich jedes Gespräch. Driftet dieses unplanmässig ab, so muss ich eiligst wieder über das Logo reden und mich mit einem „Ich“ in den Mittelpunkt des Geschehens stellen, damit ich die Entwicklung des Geschäfts steuern kann.

Freundin 1:     Alles Neue kann ein Stein in deinem Plan sein. Wirf den Stein weg, behalt den Plan. Alles Neue konkurriert das Logo und damit auch deine Position.

Freundin 2:     Du bist stark. Auch Neues wirst du zu bewältigen wissen und dabei deine Position wahren.

Choelia: An meiner neuen Position werde ich festhalten, die den Zuschlag Lins hat, weil er mich zur Cans Nachfolge erkoren hat. Das neue Logo ist billig in seiner Herstellung und gleichzeitig durchschlagskräftig. Josselins Vorschläge hingegen sind unbrauchbar.

Freundin 1:     Ich habe sie gehört. Sie sind kompliziert, teuer und äusserst aufwendig in ihrer Realisierung. Und obendrein passen sie nicht in die Zielsetzung dieses Hauses. Das heisst: Sie fördern deine Karriere nicht.

Freundin 2:     Diesen Josselin musst du im Auge haben. Er wird seine Vorschläge wieder einbringen. Jorun wird ihm mit seiner frechen Zunge zur Seite stehen.

Choelia:   Auch Lauren werde ich mir vom Leibe halten. Sie soll mir nicht zu nahe kommen! Sie soll nur nicht an mein Polster greifen wollen!

Freundin 1.     Sie beneiden dich.

Freundin 2:     Du machst gute Arbeit. Sie verstehen das nicht. Sie verstehen dich nicht.

Freundin 1:     Sie werden gemeinsam über dich herfallen. Bleibe stark. Sie werden dir das Logo vorhalten und dich anklagen.

Choelia:   Lauren, Jorun, Josselin und Vania sollen nur herkommen und mir etwas vorhalten. Ich werde sie kraft meiner Autorität in die Schranken weisen.

Freundin 1:     Kraft deines Amtes.

Freundin 2:     Du musst dich demütig geben.

Freundin 1:     Damit du im richtigen Moment zubeissen kannst.

Choelia:   Ich werde sie vernichten, wenn sie sich mir in den Weg stellen.

Freundin 1:     Sprich von Kollegialität und mach ihnen weis, du wärst mit ihnen auf Augenhöhe.

Choelia:   Ich hasse sie alle, weil ihnen mein Logo-Vorschlag nicht passt.

Freundin 2:     Den Hass musst du gut verstecken. Zeig dich einfühlsam. Damit kommst du an. Damit kommst du weiter.

Freundin 1:     Zeig ihnen die Krallen. Das wird sie auf Abstand halten.

Freundin 2:     Pass auf dich auf! Krallen können gestutzt werden.

Choelia:   Nichts werde ich mir schneiden lassen! Ich bin die Chefin und daran sollen sich die anderen halten. Ihr Einerlei kann ich genauso wenig ausstehen wie sie meines. Das Logo bedeutet Macht. Daran halte ich fest. Diese werde ich mir nicht nehmen lassen. Darum muss ich auf das Logo beharren. Fällt das Logo, falle ich mit.

Freundin 1:     Sorge dafür, dass die anderen fallen, damit du stark wirst.

Freundin 2:     Du willst keinen Krieg. Dafür bist du nicht gemacht.

Freundin 1:     Das Logo stärkt deine Nerven und das Herz.

Freundin 2:     Dein Gewissen lehrt dich eines Besseren.

Freundin 1:     Sei auf der Hut.

Freundin 2:     Sei vernünftig.

Choelia:   Ich werde meinen Weg gehen.

(Alle ab. Auftritt Lin.)

Lin:          Ich bin auf dem richtigen Weg. Ich werde allen die Kappe waschen. Ich werde sie bei der Stange halten. Das wird sie mir gegenüber geschmeidig halten. Ich werde sie biegen können, wie es mir passt. Auf Biegen und Brechen werde ich Senf und Seife auf Erfolg trimmen. Sie sollen mir nicht drein reden. Ich? Mir sagen lassen, wohin es gehen soll!

Ich darf nicht zu offensichtlich handeln, zu schroff vorgehen. Ich muss den leichtfüssigen Lebemann mimen, der mit allen per du ist. Die Rolle beherrsche ich: Hier ein freundliches Wort, dort ein schickes Lob, da eine kleine Aufmerksamkeit, mal ein aufmunterndes Zückerchen. Die Fäden aber halte ich in der Hand, ziehe sie im Hintergrund. Die Ernennung Choelias als Stellvertreterin und Lauren als deren Stellvertreterin war ein guter Zug. Ich werde dafür sorgen, dass sie sich gegenseitig im Wege stehen und darum keines dieser Weiber zu mächtig wird.

Zuweilen platziere ich eine kleine Kritik über Choelia, dann rüge ich Laurens Arbeit mit einer kleinen Bemerkung. Wichtig ist, dass jemand hört, was ich sage und die Sache weiterträgt. Das wird dahin führen, dass sich alle aneinander reiben und mir darum nicht zu nahe kommen. Sie werden sich gegenseitig in kleinen Stücken auffressen. Und ich werde über allem stehen.

Can ist an diesem System zerbrochen. Er ist ersetzt. Choelia und auch Lauren können ersetzt werden. Hauptsache, ich halte die Macht in den Händen. Ich liefere das Geld für den Erhalt von Senf und Seife. Die Erbschaft taugt als Steuer. Das Geld fliesst, ohne dass darüber Rechenschaft abgegeben werden muss, wozu das Geld eingesetzt wird. Die einseitig geführte Buchhaltung besänftigt die Geister. Ich bin das Geld. Mehr will die andere Seite nicht wissen. Subventionen und Geschenke von meiner Seite halten den Laden fit. Die Kundschaft will nicht wissen, welche Ordnung das Geschäft trägt.

Choelia und Lauren sind meine vorgeschobenen Posten, die ich, wird es nötig, auswechsle, sobald sie nicht mehr nach meinem Gusto wirken. Sie dienen mir dazu, mein Geld zu mehren. Ich werde reich… vermutlich… reichlich vermehren – warum zögere ich? Traue ich einem Gedankengang in meinen Überlegungen nicht? Die Erbschaft wird mich ein Leben lang erhalten – oder nicht? Was wird mit dem Geschäft, wenn sie versiegt? Ich, heute? Soll ich mich aufregen und ängstigen? Auch wenn mit jeder nicht verkauften Seife des Erbes nicht mehr wird, halte ich an meinen Prinzipien fest. Ich bin der Boss. Solange das Erbe Geld abwirft, besteht Senf und Seife. Das Danach ist eine andere Zeit. Ich herrsche jetzt. Meine Chance vergebe ich nicht. Eher sollen die Anderen zusammenbrechen. Das Geld bin ich. Doch! Nur nicht zu dick auftragen, Lin, sage ich mir.

Was zu dick aufgetragen ist, kann ich aufgrund meiner Autorität abtragen. Personal lässt sich wie Butter vom Morgenbrot wegstreichen, wenn diese zu dick aufgetragen ist. Wenn man mir weiter vorhält, mein Erbe schwinde dahin, dann ist das meine Sache, denn es ist mein Erbe. Meine Aufgabe ist nicht der Werterhalt, meine Aufgabe heisst Machterhalt. Nicht am Geld habe ich Vergnügen. Die Macht erfüllt mich mit Glück. Geht das Geld alle, werde ich ein anderes Tool finden, das mir gefallen wird. Solange das Geld fliesst, soll es hier weitergehen wie bisher. Es funktioniert. Was will ich mehr. Ich bade mich im Gefühl, ein Geschäft zu führen. Den Sündenbock lasse ich mir von jenen, die kritisieren, nicht auf den Rücken malen. Das Geld fliesst und mit ihm die Macht. Das Geld ebnet den Weg, auf dem ich gehe.

(ab)

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„Hier ist gar nichts drin. Aber es stinkt gewaltig nach Schnaps.“

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