Gedankenkaskaden und Lebensfallen

Jean Genets Protagonist präsentiert sich unter verschiedenen Namen und wechselndem Geschlecht. Das vereinfacht jenen, die das Buch in die Hände nehmen, den Einstieg in den Roman Notre-Dame-des-Fleurs nicht. Ein Gericht setzt gegen Schluss der Erzählung die Gestalt auf ihre bürgerliche Identität fest und den gewonnenen Freiheiten und Freizügigkeiten ein Ende. Zuvor ist der Roman jedoch ein prächtiger Spaziergang durch die Bohème im Pariser Stadtteil Montmartre. Wunderschön ist auch die Sprache, mit welcher der Autor die Lesenden für das Leben im Quartier gewinnt.

Genet setzt Sätze, die das Wasser genüsslich im Mund zusammenfliessen lassen. Er schreibt keine Schönwetter-Literatur. Dennoch sind die Wortgefüge voller Eleganz. Bei jedem Satz möchte man kreischen vor Freude. Die Akrobatik der Sprache, mit welcher er seine Gedankenkaskaden und Bilder auslegt, verblüfft. Von einer Seite zur nächsten Seite führt er die Lesephilen in immer neue, immer tiefere Zusammenhänge, Auseinandersetzungen und Lebensfallen, welche die befremdliche Welt der geschilderten, freien Beziehungen im Beziehungsumfeld in Montmartre beherrschen.

Der Einstieg in das Buch war schwierig zu finden. Das gilt auch für die Welt Genets, will man diese in Paris finden. Darum stellt sich die Frage: Wo am besten Jean Genets Buch fertig lesen? Die Seine-Stadt, wo die Geschichte spielt, böte sich an. Doch, dort, unten, unter der Brücke, in meiner Nachbarschaft ist der bessere Ort, wo unter dem Bogen Liebespaare gern verweilen, weil der Sand so weich ist und die Stelle vor den Blicken der Leute, die über die Strasse gehen, geschützt ist und öffentlich Intimität gewährleistet. 

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