Joseph Brodskys Buch habe ich am Wasser fertig gelesen. Von einem schwankenden Schiff bin ich auf einen schwankenden Steg gestiegen und von diesem in die Stadt hineingegangen, von der ich das Gefühl hatte: Auch sie schwankt und zwar wie ein kenterndes Schiff, das wegkippt. Die bekannte Metropole ist auf Pfählen gebaut. Man geht davon aus, dass der Ort untergehen wird, wenn seine Fundamente unterspült oder die Stadt vom steigenden Meer überspült wird.

Wasser bildet ein bestimmendes Element in Brodskys Betrachtung «Ufer der Verlorenen», die Venedig gewidmet ist. Mit dem Buch in den Händen lässt es sich durch die Gassen des Ortes wandeln und über Wasser, Winter und Schönheit sinnieren. Brodsky folgt dem Lauf des Wassers und hält fest, wie das Wasser der Flüsse vom Festland durch das Labyrinth der Kanäle gefasst, danach aber von der Stadt in die Freiheit des Meeres entlassen wird. Das Buch verbreitet Wissen und macht deutlich, dass wir alle Touristen sind, wenn wir die Stadt besuchen und statt die Gedärme der Kanäle und Paläste zu entdecken, die Sehenswürdigkeiten, Osterias und Pasticcerias abklappern und Namen auf den Klingeln erfassen, die für uns ohne Bedeutung sind.

Die befürchtete Störung der Lagunenstadt durch das Wasser rückt den Ort in das Umfeld einer anderen bedrohten Gegend. Der Autor ist Verfasser des – wie es in einem Kommentar heisst – „Schmähgedichts“ mit dem Titel „Über die Unabhängigkeit der Ukraine“. Die Venezianer und die Welt kämpfen gegen die Zerstörung der Stadt durch das Wasser und die Naturgewalt Erderwärmung. In der Verbindung mit Brodsky mahnt Venedig auch die menschliche Gewalt an, mit der Russland aktuell die Ukraine zu vernichten sucht.
