Kühe sind keine Zeugen

Noch eine letzte Kurve und schon taucht im Talkessel hoch oben in den Bergern der Weiler Taveyannaz auf. Ein breiter Bergrücken schirmt den Ort, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, von der Morgensonne ab. Die Örtlichkeit ist in den Landkarten als Refuge, als Refugium, vermerkt. Keines der naturbelassen wirkenden und nach authentischem Holz duftenden Gebäude übersteigt die Höhe eines Stockwerks. Die schmucke, antike Häuseransammlung dient privilegierten Menschen als Sommerbleibe. Dorthin ziehen sie sich in eine pure Natur weit oberhalb der Baumgrenze zurück. Ungetrübte Bergromantik begleitet sie, sofern nicht ein gut geführtes Messer die Idylle nachhaltig trübt. Die friedliche Alp wird zum Drehort eines in allen Details geschilderten, brutal ausgeführten Mordes. Ein heftig leidender Psychopath fügt seiner Tat das gehöriges Mass an christlicher Verkündigung bei.

Der Thriller eignet sich ausgezeichnet, um die von vielen nicht gekannte Gegend von Gryon in den Waadtländer Alpen kennenzulernen. Der Leser taucht wie ein gut geführtes Messer tief in die Landschaft, die zwischen bekannten Berggipfeln hoch über der Rhone-Ebene liegt, und ebenso weit in das literarische Geschehen ein, das in lauschige Ecken des Dorfes und zu anmutigen Fluren führt. Niemand käme auf den Gedanken, in dieser Gegend nach Spuren von Verbrechen zu suchen – ausser öffentlich ausliegende Leichen weisen auf ein solches hin. In den zahlreichen schmucken Chalets geschieht Ausserordentliches. Im Thriller Le Dragon du Muveran des Westschweizers Marc Voltenauer wühlt sich Kommissar Auer in die Geheinisse einer weiten Berglandschaft hinein, um in Taveyannaz zu entdecken: Kühe sind keine Zeugen.

Der Thriller, der in Gryon und Co spielt, ist ein guter Tourismusführer. Was ist aber mit jenen schrillen, literarischen Visitenkarten, die nicht in einer geographischen Landschaft, etwa einer Stadt, verortet sind?

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