
Den kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen! Heute beende ich die Lektüre der Aspern Papers von Henry James. Die Geschichte spielt in Venedig. Zu meinem Schrecken muss ich feststellen, dass der „diebische Publizist“ zehn Seiten vor Schluss der Geschichte fluchtartig die Stadt verlässt. Also widerfährt mir hier das gleiche Schicksal wie schon in Davos. Ich reiste damals in den alpinen Ort, um den Zauberberg von Thomas Mann fertig zu lesen. Wie ich dort ankam, das Buch öffnete und mit dem Lesen ansetzte, musste ich entdecken, dass Hans Castorp nach Flandern abreiste, das Buch also nicht im Alpenresort endet. In Venedig habe ich mehr Glück. Der unschickliche und eigentlich auch unsittliche Dieb kommt zurück in die Lagunenstadt und Henry James kreiert ein wunderbar zusammenhängendes Bild der Gondeln und Gassen, welche das Trauma des Protagonisten wie das Wasser eines Kanals widerspiegeln.

Ich kann in den von James geschaffenen Bildern und gleichzeitig in den Strassen der Wasserstadt ein lustvoll literarisches Bad nehmen. Und ich darf mir natürlich nicht entgehen lassen, die Geschichte im Café Florian am Markusplatz fertig zu lesen, wohin der Protagonist ohne Namen seine jüngere Bekanntschaft aus seinem städtischen Blumengarten einlädt, um ihr das gesellschaftliche Leben zu zeigen. Früher kehrte im Café die Nobilität ein, heute geben sich die Touristen die Tür in die Hand. Zur Lektüre genehmige ich mir eine Choccolata Casanova: eine Trinkschokolade mit grüner Schaumkrone aus erlesenem Pfefferminzgeschmack. Ich muss gestehen: Das Getränk mundete ausgezeichnet! Begleitet wird meine Lektüre zudem vom Gestreiche eines kleinen, klassischen Musik-Orchesters draussen auf dem Platz. Wenigsten übertönt die Musik das Geplapper der vielen Leute aus tausend Ländern, die das Florian aufgrund von Angaben in ihrem Touristenführer besuchen und ganz erstaunt sind, welche stolzen Preise man hier zahlt! So, jetzt, vor meinen Aufbruch schmecke ich noch einmal am Glas, in welchem mein Casanova serviert wurde. Morgen ist Donna dran.

Ein Kommentar zu “Bezaubernder Dieb”